Freitag, 21. März 2008

Japan - Reisetag 5

Was für ein Morgen! Endlich mal nicht um 7 Uhr aufstehen, sondern gemütlich bis 8 Uhr schlafen. Bald schon holt uns der Bus am Hotel ab und fährt fort von Kyoto aufs Land. Unser Weg führt uns vorbei an Reisfeldern, Bauernhäusern und kleinen Dörfern. Die dörflichen Häuser sind zumeist Holzhäuser niedriger Bauart, wobei die Reisfelder der Familie zumeist direkt an das Haus angrenzen. Ab und zu sehen wir ein paar Einwohner dieser ländlichen Idylle. Je weiter wir jedoch fahren, desto seltener werden die Siedlungen. Schon bald sind wir in bergigem Gelände, zu felsig und steil für Ackerbau oder Besiedlung. Dies ist der bevölkerungsärmste Teil Japans und Grund für die riesigen Ballungszentren an der Küste, denn Japan besteht zu 73% aus schwer besiedelbarem Gebirgsland. Dafür hat sich die sonst so stark verdrängt Natur hier ihren Raum erhalten und zeigt sich von der schönsten Seite. Gebirgsschluchten mit wilden grünen Flüssen wechseln sich ab mit weiten grünen Mischwäldern.

Unser Weg führt uns heute zum Miho-Museum in der Präfektur Shiga. Erbaut von dem berühmten chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der auch schon die Pyramide beim Louvre oder den Pei-Anbau des deutschen Museums in Berlin geschaffen hat. Das Museum geht zurück auf Mihoko Koyama (nach der es benannt wurde), der Erbin des Toyobo-Textil-Unternehmens, einer der reichsten Frauen Japans. 1970 gründete sie die spirituelle Bewegung Shinji Shumeikai, die inzwischen angeblich 300.000 Mitglieder weltweit hat. 1991 gab sie den Auftrag, das Museum in der Nähe von Misono, dem spirituellen Zentrum von Shumei, in den Bergen von Shiga, zu bauen.

Pei begründete die Wahl des Bauortes mit einer alten japanischen Legende. Ein Fischer soll sich einst auf einem Fluss verfahren haben. Ein Pfirsichhain am Rande des Ufers ließ ihn aufmerksam werden und als er dem Lauf des Flusses neugierig weiter folgte, kam er plötzlich in ein unberührtes Tal. Dort lebten Menschen, glücklich und im Einklang mit sich und der Natur. Für den Fischer war es das Paradies auf Erden.

Das Museum sollte dieses Paradies im Nichts darstellen. Ein langer Tunnel beschreibt den endlosen Weg des Fischers auf dem Fluss. Beim Verlassen des Tunnels kann man den Haupteingang des Gebäudes bereits erkennen, wie er sich in den Berg schmiegt. Der Eingang ist umwachsen mit Bäumen und Sträuchern und Blumen und scheint in den Berg hinein zu führen. Ein kurzer Marsch über die Brücke zwischen Tunnel und Gebäude symbolisiert den Übergang in eine andere verzauberte Welt, in der man sich als Betrachter nur zu gerne verliert. Beim Eintreten ins Gebäude fällt der Blick sofort auf die Glasfassade gegenüber, hinter der sich die Berglandschaft Shigas erhebt. Eingerahmt wird diese durch einen vorm Fenster gepflanzten Baum – eine traumhafte Aussicht! Das Museum selbst ist eine Holz-Glas-Stahl-Konstruktion, die Ausstellungsstücke sehr erlesen doch nicht allzu zahlreich. Auffällig für mich, es wird hier nie über den Preis des Baus gesprochen. Wir bekommen ein nettes Video über den Bau und Sektengründer zu sehen, können das Gebäude und die Landschaft bestaunen, doch diese Information gibt niemand preis. Zum Bau des Museums wurde übrigens der obere Teil des Berges zuerst komplett abgetragen, dann das Museum errichtet und schließlich der Berg um das Museum herum wieder in seiner alten Form hergestellt. So befinden sich heute 90% des Gebäudes unter der Erde.

Nach einer relaxten Mittagspause in der Sonne vor dem Museum machen wir uns auf den Rückweg zum Bus. Dieser bringt uns zum japanischen Hauptheiligtum des Schintoismus – dem Ise-Schrein. Alle 20 Jahre werden die Gebäude dieses Schreins komplett erneuert und das alte heilige Holz an alle Schinto-Schreine Japans verteilt. Diese restaurieren davon ihre Gebäude oder verkaufen die Holzsplitter in Form von Glücksamuletten, um den Schrein zu finanzieren. Der Ise-Schrein selbst liegt herrlich verborgen in einem großen Nationalpark mit mächtigen Zypressen- und Zedernbäumen. Große hölzerne Toris weisen uns den Weg zum Hauptheiligtum der Sonnengöttin. Wir kommen an der alten rituellen Waschstelle am Fluss vorbei, wo sich heute in der Sonne vor allem Kinder und Jugendliche tummeln. Händchen haltende Pärchen kuscheln sich verlegen aneinander und genießen das Spiel der Sonnenstrahlen auf dem Wasser. An einem der kleineren Nebenheiligtümer treffen wir zufällig auf einen japanischen Germanistik-Studenten, der sich erfreut über unser Interesse am Schrein zeigt. Ein Einheimischer, wie sich herausstellt, der seit drei Jahren Deutsch lernt. Viel merkt man davon zwar nicht, aber nett ist er trotzdem. Doch bald schon müssen wir uns von ihm verabschieden und es geht weiter Richtung Sonnen-Tempel. Am Laden für Glücksbringer sehen wir eine Familie aus Vater, Mutter, Neugeborenem und Oma auf dem Weg zur Taufe. Dem zwei Monate alten Kind wurde ein süßes Mäntelchen umgelegt und verwirrt blinzelt es nun in die Sonne, als die stolzen Eltern sich für uns in Positur werfen. Später folgen wir dem Grüppchen zum Hauptheiligtum, wo ein Priester das Kind und seine Familie mehrfach segnet. Das Hauptheiligtum ist übrigens von fünf Holzmauern umgeben, wobei nur Hohepriester und Kaiser in die beiden innersten Ringe dürfen. Touristen wie wir kommen bis zum vierten Ring. Schade, schade, so sieht man gar nichts…. Gleich nebenan ist bereits der Platz für das zukünftige Heiligtum abgesteckt worden. Hier wird in 15 Jahren das neue Gebäude errichtet werden, doch vorerst versuchen wir noch von einer anderen Ecke des Geländes einen Blick in den Bereich der aktuellen innersten Ringe zu erhaschen. Vielmehr als die goldenen Dachspitzen sind aber nicht zu erkennen. Gegen 17 Uhr wird es Zeit, das Tempel-Gelände zu verlassen und den Priestern ihre tägliche Ruhe zu gönnen. Wir verabschieden uns von den Wäldern und Schreinen, tauschen uns noch in einem kurzen Dialog mit den heiligen Hähnchen der Priester aus und schon geht es zum Hotel nach Toba.

Dort erwartet uns ein europäisches Dinner nach japanischen Vorstellungen – kein Kommentar. Nur soviel: mit europäischer Küche hatte das nichts zu tun, war aber trotzdem lecker.

Für alle Neugierigen hier noch die Fotos von heut.

Viele Grüße aus dem fernen Japan,
eure Sarah

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