Nun bin ich schon drei Tage in Japan und langsam aber sicher bekomme ich ein Stück Sicherheit, was dieses ungewöhnliche Land und seine Menschen angeht. Wie schon die letzten beiden Tage mache ich mich vor dem Frühstück noch schnell auf in die PC-Ecke des Hotels. Heute sollen die ersten Fotos nach Hause geschickt werden…. Denkste. Nach einer dreiviertel Stunde gebe ich mich geschlagen, das dauert ja ewig! Dann halt nicht.
Etwas enttäuscht begebe ich mich zum Frühstücksraum, wo mir mal wieder zwei nette Herren an den Platz helfen. Ach ja, Dienstleistungsgesellschaft Japan. Das müsste man sich mal in Deutschland vorstellen. Eine Person, die nur dafür zuständig ist Frühstücksvoucher entgegen zu nehmen und an den Tischzuweiser weiter zu geben. Oder an jeder Baustelle mindestens zwei Personen, die allein für die Autobetreuung zuständig sind. Haben dabei meist noch lustige Schilder umhängen. Außerdem tragen alle Dienstleister Handschuhe. Nach Aussage unserer Reiseführung wurde das von den Engländern übernommen. Angeblich soll es dem Leistungsempfänger ein Gefühl der Sauberkeit und Ordnung vermitteln. Also sieht man in Japan Taxi- und Busfahrer, Polizisten, Hotelpersonal, Kellner und so weiter mit weißen Handschuhen rumlaufen.
Wie dem auch sei, nach einer morgendlichen Stärkung mit Miso-Suppe, Salat, Muffins, Reis und frisch gepressten Obstsäften geht es heute als erstes zur Meditation beim Zazen-Lehrer. Vielleicht hilft uns ja die Meditation das plötzliche schlechte Wetter mit Dauerregen und 11 Grad Celsius zu vergessen. Am Zen-Tempel angekommen lacht uns erstmal eine riesige Beton-Kannon-Statue entgegen. Der Meditationsraum liegt in einer Art Bungalow, welches innen mit Tatami-Matten (Reisstroh) ausgelegt ist. Schon beim Schuhe ausziehen sticht mir der durchdringende Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Der Raum an sich ist spartanisch eingerichtet. Hinter dem Lehrer hängt ein kurioses Rollbild mit Tuschezeichnung an der Wand. Je länger ich es anschaue, desto ähnlicher wird es dem Mann, der da vor uns sitzt. Ansonsten wird jedem von uns ein Stapel dicker Sitzkissen zugewiesen und dann heißt es Platz zu nehmen – im Schneidersitz (am besten Lotus-Sitz).
Meditation beginnt mit einer korrekten Körperhaltung, so wird es uns erklärt. Also Lotussitz, gerader Rücken und verschränkte Finger. Der nächste Schritt ist die Fixierung der Augen auf einen Punkt vor einem. Bei der Zen-Meditation geht es nämlich nicht darum, möglichst schnell einzuschlafen. Augen offen halten und Kopf leer machen von allen Gedanken ist die Devise, womit wir schon bei Schritt drei der Meditation angelangt sind. Im letzten Schritt wird die Atmung kontrolliert und extrem verlangsamt, um zur Ruhe zu kommen. Jeder Schritt wird durch das Erklingen eines Glöckchens markiert. Nachdem man nun perfekt sitzt und atmet herrscht absolute Stille und Konzentration. 10 Minuten darf keiner was sagen oder tun. Nach einer Weile wird mir ganz schwindelig und die Linien auf den Tatami-Matten beginnen sich zu winden. Mir scheinen die Räucherstäbchen wohl nicht so gut zu bekommen. Erleichtert atmen wir alle auf, als die Zeit rum ist. Nur das Wecken war etwas unsanft. Zwei dicke Holzklötze werden vom Lehrer zusammengeschlagen, was in diesem Moment der Stille wie der Urknall klingt. Im Übrigen meditieren normale Japaner 40 Minuten und länger. Kein Wunder also, wenn da mal einer wegdöst. Dafür hat der Lehrer aber eine ganz lange Holzlatte, die dann halt auf die Schulter niedersaust und den Meditierenden ganz schnell wieder in einen wachen Zustand versetzt. Das wollte von uns dann aber doch keiner austesten.
So ausgeglichen und erholt geht die Fahrt weiter zum Roanji, ein Zen buddhistischer Tempel, der besonders für seinen schönen Steingarten bekannt geworden ist. Leider regnet es sich gerade richtig schön ein, so dass erstmal mein Rucksack in ein Regencape gewickelt wird. Die Mönche, die hier leben und gelebt haben führen ein einfaches Leben als Bettelmönche. Einige von ihnen sind wohl an Universitäten als Professoren tätig – der einzige Beruf, der von einem Mönch nebenher ausgeübt werden darf. Die Räume zeigen keinerlei Einrichtung außer den bekannten Tatami-Matten. Schiebetüren aus Papier sind kunstvoll mit Tuschezeichnungen verziert, sehen aber auch schon etwas mitgenommen aus von der Feuchtigkeit. Feste Möbel gibt es keine – dafür wird zum Essen oder Schlafen die nötigste Einrichtung hin- und danach wieder weggeräumt. Der Anblick des Steingartens ist tatsächlich hier der Höhepunkt. Wie die Hühner auf der Stange hocken eine ganze Reihe japanischer Schüler auf den Stufen des Tempels, um den Garten zu betrachten. Ich setze mich dazu und versuche in den Steinen eine Landschaft zu erkennen, aber mehr als Meer und Inseln kann ich nicht zusammen fantasieren.
Der hintere Garten des Tempels ist wieder bunt gemischt bepflanzt und ein kleiner runder Brunnen bildet den Betrachtungsmittelpunkt in diesem Grün. Vier Zeichen sind um ein Quadrat angeordnet und zahllose Yen-Stücke liegen auf dem Grund des Brunnens. Uns wird erklärt, dass die Zeichen den Betrachter ermahnen, dass Geld allein im Leben nicht glücklich macht und Entsagung das Ziel sein sollte (wörtliche Übersetzung: „Ich strebe nur nach Genügsamkeit.“). Nun ja, immerhin wird das Leben deutlich ruhiger, wenn man nicht am Hungertuch nagt, soweit sind wir uns in der Gruppe schon mal einig.
Nach ausführlicher Betrachtung der restlichen Gartenanlage mit ihren Bonsai- und blühenden Kirschbäumen kehren wir zum Mittag in das einzige Restaurant vor Ort ein. Da ich mir zum Mittag selbst etwas mitgebracht habe, verkrümele ich mich mit ein paar anderen der Reisegruppe auf die überdachte Veranda des Restaurants und genieße meine mitgebrachten Onigiris mit Lachs. Wird mit der Zeit ganz schön kalt, denn der Regen ist unerbittlich.
Doch auch die Mittagspause geht vorbei und schon sind wir wieder auf dem Weg zum nächsten Höhepunkt – der Kinkakuji. Dieser so genannte Tempel war einst das Vergnügungshaus der Shogun-Familie. In malerischer Lage mitten an einem See gelegen, umgeben nur von Bäumen, wurde hier im engen Kreis gefeiert. Die oberen der drei Etagen wurden von außen komplett vergoldet, während die untere Etage ihren ursprünglichen Holzbau behielt. Der Grund für diese Gestaltung liegt in der damaligen Bedeutung des Goldes, welches ausschließlich als Statussymbol für die Shogun- und Kaiserfamilie verwendet wurde. So wurden in der unteren Etage alle Arten von Gästen empfangen, während die oberen beiden Etagen der Shogun-Familie vorbehalten blieben. Sie wurden insbesondere zur Betrachtung des Mondes genutzt.
In der Nähe des Tempels finden wir einen weiteren Bonsai Baum, der vom Gartenmeister zu einer Art Schiff geformt wurde. Stabilisierend wirkt dabei ein großes Bambusgerüst, das den Bug des so genannten Schiffes in Form bringt. In gewisser Weise tut mir der malträtierte Baum schon Leid.
Nachdem wir uns an den Mengen von durchsichtigen japanischen Regenschirmen vorbei geschoben haben, geht es weiter zum Nijo-Schloss. Einst als Shogunatssitz der Tokugawa Familie in Kyoto erbaut, wurde es in 200 Jahren Regierungszeit der Tokugawas nur ganze 3 Tage genutzt. Nach der Abdankung des letzten Shoguns und der Einleitung der Moderne im späten 19. Jahrhundert, nutzte man die Räumlichkeiten als Beamtenräume. Leider nicht ohne Schäden am Schloss, da die Beamten auch bei Regen die Schiebetüren offen ließen und so zum Teil schöne Tuschezeichnungen an den Wänden zerstört wurden. Platz gab aber genug und so wurden auch lange nicht alle Zeichnungen zerstört. In dem Schloss finden sich unter anderem Zimmer für wartende Gäste (unterteilt in Freund und Feind, nur erkennbar anhand der Wandzeichnungen), Empfangszimmer mit versteckten Wachschutzräumen, Minister-Wohnräume, Waffen- und Kleiderkammern, natürlich der Wohnraum des Shoguns sowie das Zimmer seiner Nebenfrauen. Für die Ehefrau war kein Zimmer vorgesehen, da sie stets im Schloss in Tokyo (damals noch Edo) verbleiben sollte. Von der Einrichtung her gibt es aber nicht viel zu sehen, da in die Räume stets nur das Notwendigste gestellt wurde. Zum Schlafen gab es also Futon-Betten, beim Essen wurden Sitzkissen, Tischchen und Essen hingeräumt usw. Eine Heizung gibt es bis heute nicht, Kohlebecken waren die einzige Wärmequelle im Raum. Nicht sonderlich warm, wenn im Winter der Wind gegen die Papier-Schiebetüren prallte. Absolutes Highlight des Schlosses aber sind die singenden Dielen im Gang. Bei jedem Schritt geben sie einen singenden Ton von sich, so dass stets alle Angreifer gehört werden konnten. Das System ist denkbar einfach, Eisennägel reiben auf unter den Holzdielen befestigten Eisenplättchen.
Soviel Kultur verlangt eine Pause und so beschließen wir zu dritt, den Abend bei einem gemütlichen Shopping-Bummel durch die Haupteinkaufsstraße Kyotos zu beschließen. Im Traditionskaufhaus Takashima werde ich denn auch fündig und kaufe für meine Schwester eine schicke Bento-Box (Lunch-Box für Sushi, eingelegtes Gemüse, Reis und was man sonst noch so rein bekommt). Der Rückweg zum Hotel gestaltet sich da schon etwas abenteuerlicher. Nachdem wir die Metro-Station entdeckt haben, stellen wir bei einem Blick auf den Fahrplan fest, dass es in Kyoto anscheinend unterschiedliche Betreiber des Metro-Netzes gibt. Und leider müssen wir auch noch umsteigen. Der Ticket-Automat ist mit seinen japanischen Schriftzeichen und Texten nicht wirklich Touristen freundlich gestaltet und so wenden wir uns an die japanischen Mitmenschen. Diese flüchten beim ersten englischen Wort, so dass ich schließlich mein basic Japanisch rauskrame, um ein Schulmädchen anzusprechen. Die erklärt uns dann zusammen mit einem älteren Geschäftsmann mit Händen und Füßen, welche Tickets wir kaufen müssen. Leider gelten die nur bis zur Umsteigestation, dann gibt es nämlich einen neuen Netzbetreiber und der will extra Kasse. Doch auch hier finden wir wieder nette Japaner und Bahnangestellte, die uns schließlich doch noch zur richtigen Bahn lotsen. In der Bahn wird es plötzlich voll und so ganz allein zu dritt unter Japaner kommt man sich schon etwas seltsam vor. Vor allem, weil wir allen Anderen auf den Kopf schauen können.
Soviel zu den Japanern des heutigen Tages. Die Fotos gibt es natürlich auch, wenn ihr diesem Link folgt.Ich grüße die Reisegemeinde,
eure Sarah :)
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