Sonntag, 23. März 2008

Japan - Reisetag 7

Am Morgen besuchen wir in aller Frühe den Morgenmarkt in Takayama. Entlang des Flüsschens windet sich eine Straße, auf der nun eine überschaubare Anzahl weiß-überdachter Stände steht und diverse Waren feilgeboten werden. Von frischem Gemüse (vieles davon würde ich nie in den Mund nehmen) über traditionelle Süßigkeiten und Haushaltskram ist alles dabei. Die Sesam-Cracker und Tochi-Nuss-Snacks (regionale Spezialität) sind besonders gut und so packe ich erstmal ein paar Sachen als Mitbringsel ein. Überwacht wir das Ganze von der kleinen dicken Figur des Glücksgottes der Kaufleute, der die Besucher des Marktes am Anfang der Straße begrüßt.

Auf einer nahen Brücke sichten wir zwei seltsame Figuren mit ewig langen Armen oder Beinen. Uns wird erklärt, dass dies die ersten Kinder der Sonnengöttin mit dem Erdgott seien. Die langen Arme dienen dem Erdwandler zum Früchte sammeln, die langen Beine dem Meeresgott zum waten und Fisch fangen. Etwas missgebildet wirken sie trotzdem.

Weiter geht es mit dem Bus ins Freilichtmuseum von Hida. Hier gibt es hunderte traditionelle japanische Häuser aus dem ganzen Land mit Baustilen aus vier Jahrhunderten. Die Häuser wurden zumeist hierher gebracht, wenn ein Dammbau oder die Errichtung neuer Stauseen die Häuser sonst zerstört hätte.

Zuerst besuchen wir ein altes Weberhaus, welches durch das ewig rauchende Feuer in der Mitte des Hauses ganz verrußt und dunkel geworden ist. Der Ruß diente den Menschen damals als natürlicher Holzschutz vor Ungeziefer, während das Feuer einzige Wärmequelle des ganzen Hauses war. Die Holzdächer, aus versetzt gelegten Schindeln gefertigt, waren Erdbeben sicher und Luft durchlässig, so dass ein ständiger Luftaustausch im Haus gewährleistet war. Einziger Nachteil, die hohe Brennbarkeit.

Weitere Häuser sind eine dreistöckige Seidenraupenzucht (1.OG: Spinnerei, 2.OG: Raupenzucht, 3.OG: Seidenlagerung), ein Farmhaus mit zweitem Eingang übers Dach für die schneereichen Wintermonate, ein lokaler Shinto-Schrein, ein ehemaliges Schlittenhaus und Häuser zur Papierherstellung, zum Reisstroh flechten und für Lackarbeiten (Lackgewinnung aus geritztem Lackbaum). Der Shinto-Schrein besitzt eine herrliche Glocke, die wir sogar ausprobieren dürfen. Schon ein kräftiger Stoß mit einem verkürzten Baumstamm bringt die Glocke zum Singen und ein vibrierender Ton verbreitet sich über das ganze Museumsgelände. Heutzutage werden die Glocken der Shinto-Schreine offiziell übrigens nur noch zu Neujahr 108-mal geschlagen – zur Bekämpfung der 108 Sünden, welche im Schintoismus bekannt sind. Ein Stückchen weiter an einem kleinen Fluss nahe Reisfeldern sehen wir eine andere erstaunliche Konstruktion. Eine Art hölzerne Wippe mit Klotz, welcher ab und an auf einen harten Stein am Boden schlägt. Dies sollte einst die Wildschweine von den Reisfeldern fernhalten, wie uns erklärt wird.

Der Besuch im Museum endet mit einer kurzen Schneeballschlacht und schon bald sind wir wieder auf dem Weg – diesmal zum Ryokan, einem traditionellen japanischen Hotel am Suwasee. Jedes Zimmer wird normalerweise von maximal vier Leuten bewohnt (die sich nicht unbedingt kennen müssen). Ein Zimmer besteht im Allgemeinen aus drei Bereichen: dem Eingangsbereich zum Straßenschuhe ausziehen, dem Vorbereich (betretbar mit Slippers) und dem eigentlichen Wohn- und Schlafbereich. Dieses Zimmer ist mit Tatami-Matten ausgelegt. Man sitzt, isst und schläft auf dem Fußboden. Natürlich sind keine Schuhe in dem Wohn-Schlaf-Raum erlaubt, da Schuhe die Reisstrohmatten zerstören würden. Übrigens gibt es eigene Slippers für Klo. Und wehe man ist im Hotel mal mit den Klo-Schlappen unterwegs – das ist so ungefähr das Peinlichste, was einem passieren kann.

Gekleidet ist man in Yukatas, die vom Hotel bereitgestellt werden. Die Yukatas können überall getragen werden – zum Essen im Restaurant, auf dem Zimmer, beim Schlafen oder bei einem kleinen Spaziergang im Ort. Im Grunde sind es bessere Bademäntel aus schön bedrucktem Baumwollstoff mit Gummigürtel.

Das Highlight des Hotels für die Japaner ist das Onsen –ein heißes Bad mit Wassertemperaturen zwischen 42°C und 45°C, gespeist aus unterirdischen heißen Quellen. Die japanische Bäderkultur unterscheidet sich etwas von der deutschen. In Japan wird nicht gebadet, um sich zu waschen, sondern nur um zu entspannen. Gewaschen wird sich vorher an extra Waschstellen. Dort stehen neben einem Hocker und Wasserschlauch auch kleine Holztröge, Waschlappen, Seife und Shampoo bereit für die Reinigung. Nach dem Sauber machen ist Schwitzen im heißen Wasser angesagt – meist nicht länger als 5 – 10 Minuten. Danach gibt’s eine kalte Ladung Wasser und es geht wieder ins Wasser. Im Grunde eine Art Feucht-Sauna, denn unsere klassische Holzsauna findet man in Japan nicht vor.

Nach zwei Badegängen habe ich genug geschwitzt und so mache ich mich fürs Abendessen fertig. Abendessen und Frühstück sind in jedem Ryokan standardmäßig im Preis inbegriffen, wobei es für jeden Gast das gleiche Essen gibt. Das Abendessen – Kaiseki - kann aus neun bis elf Gängen bestehen und sowohl im Restaurant, als auch privat auf dem Zimmer eingenommen werden. Gegessen wird an flachen Einzeltischen, wobei man im Schneidersitz oder kniend auf weichen Kissen vor dem Tisch auf dem Boden sitzt.

Das Essen selbst kostete mich und viele andere der Gruppe zum Teile arge Überwindung. Schon der zweite Gang erzeugt bei mir einen leichten Würgreiz, der nur durch eine nachgeschobene Portion Reis und Miso-Suppe unterdrückt werden konnte. Algen, Glibber-Nudeln, Fischeier und undefinierbare Fischbrühe – igitt. Lecker war hingegen der Aperitif (Quittenschnaps), das Sashimi aus Tintenfisch und Regenbogenforelle, Shabu-Shabu aus Schweinefleisch, Pilzen, Salat und Zwiebeln, sowie ein Bratapfel mit Pilzfüllung und überbackenem Käse. In Grenzen hielt sich meine Begeisterung für das sauer eingelegte Gemüse und eine total tot-gekochte Rübe mit undefinierbarer Füllung, sowie dem Dessert aus parfümiertem Glibber. In Schulnoten ausgedrückt würde das Essen heut von mir nur eine 3+ erhalten, also nicht gerade berauschend. Die Sättigung setzte übrigens schon nach Gang fünf ein.

Um uns eine Verschnaufpause beim Essen zu verschaffen, gab es eine kleine Showeinlage der Köche. Diese bereiteten vor unseren Augen Fisch für Sashimi vor und schnitzten aus Kürbis, Möhre, Rettich und Gurke eine wunderschöne Dekor-Blume. Eine tolle Leistung, aber unglaublich viel Arbeit für nur eine Verzierung!

Nach dem Abendessen rollten wir uns zurück auf die Zimmer, wo unsere Futons bereits zum Schlafen ausgebreitet lagen. Zwei dicke Decken als Matratzen und eine kuschelige dicke Decke zum Zudecken – leider lange nicht so schön wie mein Matratzenbett Zuhause. Nach der Hälfte der Nacht drückten sich die Tatami-Matten langsam durch, so dass der Eindruck entstand man würde auf Holzbrettern ruhen. Außerdem konnte sich meine Zimmernachbarin nicht das Schnarchen verkneifen und erst nach mehrmaligem Treten und Anstoßen gab sie Ruhe.

Fotos gibt es hier zu sehen.

Gute Nacht Reisegemeinde,
eure Sarah

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