Der Morgen startet heute mit einem europäisch angehauchten Frühstück im Hotel von Toba. Zumindest sollte es continental breakfast sein, sieht aber eher nach fettig englischem Frühstück aus. Dafür entschädigt uns die tolle Aussicht vom Frühstückssaal auf das sonnendurchflutete japanische Meer und die Perlenzuchtkolonien.
Wir reisen ab heute für die nächsten Tage per Rucksack durchs Land und unsere erste Zugfahrt bringt uns in das alte Handwerksstädtchen Takayama. Der Zug ab Nagoya hat ein besonderes eingebautes Feature – drehbare Doppelsitze. So können sich die Gäste an die jeweilige Fahrtrichtung anpassen, um immer vorwärts zu fahren.
Bei drei Stunden Zugfahrt heißt es irgendwann picknicken. Nach dem Überfall auf einen Bahnhofskiosk in Nagoya (die arme Verkäuferin war ganz verängstigt, als ihr kleiner Kiosk plötzlich total mit Ausländern überschwemmt war) konnten wir diverse O-Bento-Boxen (gefüllte Lunch-Boxen mit Sushi, Gemüse, usw.) und Onigiris samt Getränken erstehen.
Mampfend fahren wir durch die japanische Berglandschaft, die sich uns so wunderschön links und rechts der Bahngleise erstreckt. Steile, felsige Bergwände überwachsen mit Moosen, Sträuchern und unzähligen alten Bäumen, sowie Bambushainen – ihnen zu Fuß schlängelt sich mit glasklarem grünen Wasser der Izu-Fluss durch die japanischen Alpen. Ab und an sehen wir Wasserschleusen und Dämme gegen das Frühlingshochwasser, denn Wasser gibt es dann übermäßig viel. Hingegen sind die Sommermonate meist sehr trocken und niederschlagsarm.
So schön diese Landschaft auch ist, so ungeeignet ist sie doch zum Wandern. Wandern hat in Japan keine Tradition und noch heute gibt es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Wanderwegen. Neu angelegte Wanderwege schlängeln sich als ewige geteerte Pfade durch die Landschaft. Nicht gerade eine Art Wanderweg, die einem das Herz höher schlagen lässt.
Unsere Ankunft in Takayama endet mit einem kurzen Fußmarsch zum Hotel. Uns wird ordentlich warm, da wir uns alle nach dem kalten sonnigen Wetter in Toba etwas mehr angezogen hatten. Hier in Takayama schlägt uns plötzlich warmer Wind entgegen und die Sonne lässt uns schwitzen. Bloß schnell zum Hotel und raus aus den Klamotten.
Uns bleibt nicht lange Zeit zum Verweilen, da unsere Reiseleitung schon wieder auf Stadtbesichtigung gehen möchte. So schlendern wir entlang niedriger Einfamilienhäuser durch gemütliche kleine Gassen und winden uns immer weiter hinein in die Stadt. An einem alten zweistöckigen Fachwerkhaus aus dunklem verwittertem Holz halten wir an, um eine Besichtigung vorzunehmen. Das Haus stammt von einer Bankiersfamilie, die sich trotz damals schon horrender Bodenpreise ein 1000 m² Haus mitten in die Stadt setzen konnten. Das heute nur noch als Museum genutzte Haus beinhaltet einen Gemeinschaftsraum mit Feuerstelle für den Tee (Wärmequelle), einem Esszimmer, einem Puppenzimmer (nicht zum spielen, nur anschauen), mehreren Schlaf- und Ankleidezimmern, sowie der Küche und dem Dachboden zum Lagern. Die Zimmer werden durch Papier-Holz-Schiebetüren voneinander abgegrenzt. Das besondere Feature dieses Hauses ist ein in das Gebälk eingebauter kleiner buddhistischer Schrein, sowie ein kleiner tragbarere Schrein für den Gott der Kaufleute. Und damit dem Glück nicht genug, vor dem Haus sitzt natürlich wieder der Geld bringende Dachs und eine Winkekatze.
Außerdem erfahren wir, dass sich früher japanische Frauen ihre Zähne schwarz bemalt haben, damit man die Zahnlücken nicht erkennen konnte (starker Calciummangel in der Ernährung, so dass bei jeder Geburt ein paar mehr Zähne ausgefallen sind).
Nach diesem Besuch entdecken wir im Haus gegenüber einen Tatami-Hersteller, der gerade an ein paar neuen Matten arbeitet. Er presst das Reisstroh erst in mehreren Einzelschichten, um sie dann auf die Kante genau mit Stoff zusammen zu fassen. So entstehen die dicken Matten für die Haus- und Tempelböden.
Unser Spaziergang führt uns weiter in die Altstadt, wo wir immer mehr alte dunkle Holzhäuser mit niedrigem Bau sehen. Die Häuser stehen heutzutage unter Denkmalschutz und werden in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Innen geht das Leben ganz normal weiter mit Restaurants, Teehäusern, Geschäften, Sakebrauereien und Wohnungen.
Mir fallen die vielen kleinen Vorhänge vor den Eingängen der Geschäfte auf. Hängen sie draußen, ist das Geschäft geöffnet. Meist prangt noch das Familienzeichen auf den Stoffvorhängen, die alle in unterschiedlichsten Farben im Wind flattern. Über der Sakebrauerei, die wir als nächstes besichtigen, hängt eine riesige braune Kugel aus Reisstroh – das Symbol der Sakebrauereien (jede hat eine über dem Eingang hängen). Das Zeichen kommt nicht von ungefähr, wird doch Sake aus Reis gebrannt. Viel zu sehen gibt es nicht in der Brauerei, dafür wird uns der Entstehungsprozess von Sake erläutert (im Grunde wie Bier brauen) und wir dürfen alle mal kosten. Der Sake schmeckt viel besser als das Zeug, welches man in Deutschland in den Asia-Läden zu kaufen bekommt.
Wir beschließen unseren Stadtbummel in der Gruppe und machen uns den Rest des Nachmittags allein auf die Socken. Die friedliche Stimmung der Stadt hat einen beruhigenden Effekt auf mich und so schlendere ich durch Seitenstraßen, schaue Leuten bei ihren Alltagsgeschäften zu und finde mich schließlich beim örtlichen Shinto-Schrein wieder. Die Priesterinnen tragen hier rote weite Plusterhosen und weiße Jacken (wie im Judo). Der Schrein selbst ist am Berg gelegen und überall auf dem Gelände stehen unzählige Bäume, die den Schrein wunderschön einrahmen. Ich versuche ein Glücksamulett für die Liebe zu erstehen, doch die anderen Anhänger gefallen mir besser (besonders der fürs Altwerden und Sicherheit im Straßenverkehr).
Auf dem Rückweg zum Hotel mache ich es mir noch am Fluss gemütlich, beobachte ein paar Enten und schaue zu, wie ein Japaner sein Auto einparkt. Jetzt haltet ihr mich sicherlich für verrückt, was daran so besonders sein soll. Nun, die Garage war Teil des unteren Hauses und gerade breit genug für eines dieser schmalen Nissan-Mobile. Alle Fahrgäste müssen vorher aussteigen, nur der Fahrer kann sitzen bleiben und fällt dann in der Garage direkt durch eine Tür in der Wand ins Haus. Eine derartige Garagenkonstruktion ist in Japan nicht selten, da Platz für extra Garagen zuviel Geld kosten würde und auf der Straße parken oftmals verboten ist. Also gar nicht so leicht, da einen schönen Parkplatz zu finden.
Zurück im Hotel kämpfe ich mal wieder mit dem Internet, was hier angeblich 100Yen pro 10 Minuten kosten soll. Leider endet mein Kontingent nach bereits 5 Minuten, was für eine Abzocke! Aber Freude, meine Mutter und mein Freund haben mir geschrieben und schon mal frohe Ostern gewünscht (morgen ist Ostersonntag).
Zum Abendessen geht es heute ins Sukiyaki-Restaurant. Sukiyaki ist der japanische Hot-Pot (Eintopf), den man sich direkt selbst am Tisch zubereitet. Dazu wird eine Kochstelle im Tisch, einen großen Topf mit Brühe (Wasser, Zucker, Sojasoße, Fischsoße), viel frisches Gemüse, Nudeln, dünn geschnittenes Fleisch und Fisch benötigt. Das alles kippt man nach und nach in die heiße Brühe, um es gar werden zu lassen. Danach wird es dann mit Stäbchen wieder rausgefischt und sofort gegessen. Dazu gibt es Reis, Miso-Suppe, sauer-eingelegtes Gemüse, Eis und Sake. Super lecker und sättigend (Sättigung hält bestimmt bis morgen an). Entschädigt vollkommen dafür, dass sich unsere Reiseleiterin auf dem Weg zum Restaurant mal wieder verlaufen hatte. Kugelrund schleichen wir später zum Hotel zurück und lassen uns nach einem Absacker in der Lobby in unsere Betten fallen.
Hier noch schnell der Link zu den Fotos des heutigen Tages.Viele Grüße und gute Nacht,
eure Sarah :)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen