Heute ist ein besonderer Tag – mein einziger freier Tag dieser Reise. Ein Tag, an dem ich tun und lassen kann, was ich möchte. Genießerisch schwinge ich gegen 4:00 Uhr morgens die Beine aus dem Bett, schleiche ins Bad und kippe mir einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht. Trotz dieser unchristlichen Zeit bin ich erstaunlich wach und eine innere Spannung treibt mich an.
Mein Ziel ist heut als erstes der große Fischmarkt im Hafen Tokyos, an dem tägliche tausende Tonnen frischer Fisch gehandelt und dann in die ganze Welt verschickt werden. Das Mekka für Sashimi-Liebhaber und Leute, die schon immer mal exotische Tiere lebendig und aus der Nähe sehen wollten. Doch nur die frühen Geister werden belohnt. Zwischen 5:00 Uhr und 5:45 Uhr in der Frühe laufen die berühmten Auktionen um riesige Thunfische, Kraken und was es sonst noch so zu kaufen gibt. Doch die Auktionen bleiben mir verwehrt, da die Öffentlichen erst ab 5:00 Uhr wieder ihren Betrieb aufnehmen und ich vom Hotel aus mindestens eine dreiviertel Stunde bis zu meinem Ziel brauche.
In aller Ruhe spaziere ich deshalb durch die menschenleeren Straßen Shinjukus, begleitet nur von den stummen Blicken der gläsernen Hochhäuser. Im Zugangstunnel zum Bahnhof sehe ich plötzlich Gestalten, die sich in die Ecken vor den Schaufensterläden kuscheln. Zugedeckt mit Pappen und Plastiksäcken liegen sie dort eng aneinander gereiht, die Ausgestoßenen und Verlassenen dieser Gesellschaft. Zwei Männer gehen an ihnen vorbei, wecken sie, Aufstehenszeit für die Obdachlosen Tokyos. Bald werden die ersten Berufstätigen zum Bahnhof eilen und die Geschäfte wieder ihren Betrieb aufnehmen. Bis dahin müssen sie verschwunden sein – schließlich soll hier alles aufgeräumt und sauber wirken. Die Obdachlosen führen mir vor Augen, dass auch in Japan die Arbeitslosigkeit immer weiter um sich greift, lange nicht so stark wie in Deutschland. Doch die japanische Kultur verträgt keine Arbeitlosen – eine Welt, in der die Arbeit noch immer Dreh- und Angelpunkt allen Seins ist. Da sind 1,5 Millionen Arbeitslose, eine seit Jahren stagnierende Wirtschaft und die damit einhergehende geringe Anzahl neuer unbefristeter Vollzeitjobs für den Nachwuchs schon Schreckensmeldungen, die ein ganzes Volk aufrütteln und zweifeln lassen. Der Angestellte mit lebenslanger Anstellung ist schon seit langem gestorben. Die Jungen bekommen keine Ausbildungsstellen mehr, geschweige denn Anstellungen. Genommen werden nur die Besten von den Eliteuniversitäten. Alle anderen halten sich mit mittelmäßigen oder vielen kleinen Jobs über Wasser. Jobs ohne Sozial- oder Rentenbeiträge. Jobs, bei denen nicht mal genug Geld zum Sparen übrig bleibt.
Mit diesen Gedanken suche ich mir meinen Weg durch den Bahnhof. Hier irgendwo musste doch das Gleis sein. Eine Gruppe Jugendlicher schaut mich neugierig gackernd an und ein Mädchen mit Pippi Langstrumpf-Zöpfen weist mir nonchalant den Weg. Wieder geht ein Johlen durch die Gruppe. Schade, dass mein Japanisch für die spitzen Kommentare der anderen nicht ausreicht. Vielleicht ist es auch ganz gut so.
Gerade werden die Gleise für die Öffentlichkeit geöffnet und so hocke ich mich auf die Treppenstufen und warte auf die Metro. Nach einer Ewigkeit stelle ich fest, dass ich das falsche Gleis erwischt habe. An diesem riesigen Bahnhof von Shinjuku gibt es für die gleiche Metro zwei Bahnsteige, an jeweils einem Ende des Bahnhofs. Ich hab mir natürlich das falsche ausgesucht. Die Metro kommt trotzdem und so muss ich halt einen kleinen Umweg fahren, der mich leider wieder zehn Minuten der kostbaren Zeit kostet. Gegen 6 Uhr bin ich endlich da und gemeinsam mit einem amerikanischen Pärchen (das extra zum Baseball Spiel der Red Socks nach Tokyo gekommen ist) suchen wir den Eingang zu den Fischmarkthallen. Vorbei an weitläufigen Hallen mit Gemüse, Obst, Teigwaren, Käse, Wurst und was man sonst noch so essen kann, schlängeln wir uns über das unüberschaubare Handelsgelände. Ständig braust ein Laster oder kleine Flitzer an uns vorbei, voll beladen mit gerade erstandener Ware. Eng ist es hier. Höllisch aufpassen muss man, um nicht überfahren zu werden. Zummm, und wieder rauschen gleich fünf Flitzer an uns vorbei. Das war sehr knapp, fast hätte mich einer mitgenommen. Unvorstellbar, hier mit einer Gruppe durchzulaufen ohne das Alltagsgeschehen der Markthallen zu behindern.
Endlich finden wir den Eingang zur Fischhalle mit dem lebendigen Fischzeug und schon bald trennen sich unsere Wege. Ich mache mich daran den Inhalt der vielen blauen, mit Wasser gefüllten Kisten zu erforschen. Immer darauf bedacht, die Händler und Fischer nicht bei ihrer Arbeit zu behindern. In einem Bottich entdecke ich in kleinen Netzen Tintenfische und kleine Kraken, die mir entgegen kriechen. In einem anderen schubsen sich Kugelfische gegenseitig durchs Bassin, einen scheint es schon erwischt zu haben. Den dicken Bauch voll aufgebläht schwimmt er leblos im Wasser. In einer anderen Ecke der Halle sind noch Spuren einer Schlachtung zu erkennen. Auf dem Boden haben sich große, lang gezogene Blutlachen gebildet. Der ganze Boden schwimmt und mir ist, als wate ich die ganze Zeit durch einen Fluss. Ständig wird gespült, damit es trotz all dem Fisch und Blut sauber bleibt. Die Fischer schmunzeln, als sie mich durch die Halle stiefeln sehen und freuen sich, wenn ich mich für ihren Fang interessiere. Immer wieder patschen die grünen und gelben Öl-Stiefel durch das Wasser, um potentiellen Käufern die Meerestiere zu präsentieren und Auskunft zu geben.
Mein Weg führt mich weiter durch die Halle zu den Transportern und nach einigem Suchen sehe ich sie, die gefrorenen Thunfische. Aufgebahrt auf Holzkarren erwarten sie ihre endgültige Hinrichtung an der Säge. Zwei Männer schleppen die schweren Körper einzeln, hieven sie auf den Sägetisch. Zuerst werden Kopf und Schwanz abgesägt, dann der Rumpf geviertelt. Die Viertel kommen zurück auf die Holzkarren und werden von den Käufern in die nächste Halle geschoben. Dort tauen die Teile, Gräten werden entfernt, alles in kleinere Stücke geschnitten und in Styropor-Kisten gepackt. Die unzähligen Restaurantbesitzer stehen bereits eifrig wartend an den Ständen und prüfen den dargebotenen Fisch. Ab und an sieht man einen Restaurantbesitzer mit einem Fischer um den Preis feilschen. Eine Seltenheit in Japan.
Nach einer Stunde schlängle ich mich wieder aus den Markthallen, lassen den Trubel hinter mir und genieße die Stille der noch vergleichsweise leeren, verschlafenen Metro zurück zum Hotel. In meinem Zimmer falle ich erstmal ins Bett und hole bis neun Uhr ein bisschen Schlaf nach. Beim anschließenden Frühstück sehe ich noch die letzten meiner Reisegruppe, wie sie gerade zu ihrem fakultativen Ausflug nach Nikko aufbrechen. Ach wie schön ist die Freiheit, denke ich mir und hole noch einen Nachschlag Obst und Miso-Suppe.
Als nächstes geht es nach Mitaka zum Ghibli-Museum. Erbaut vom bekanntesten Anime-Regisseur Japans, Hayao Miyazaki. In nur zwanzig Minuten bin ich mit der Metro von Shinjuku aus in dem kleinen Randbezirk Tokyos, eigentlich ein reines Wohnviertel mit viel Grün und kleinen Einfamilienhäusern. Entlang eines kleinen Flüsschens, das Ufer voller blühender Kirschbäume, wandere ich durch die Straßen auf der Suche nach dem Museum. Irgendwie ist es hier viel idyllischer und ruhiger als in der hektischen, hoch gebauten Innenstadt. Leider wohl auch unbezahlbar teuer, wie uns unsere Reiseleitung mitgeteilt hatte, denn sie selbst wollte in Mitaka eine Wohnung kaufen (hat sich dann aber doch im Norden Tokyos ansiedeln müssen). Ausländer sehe ich keine – hätte mich auch gewundert.
Nach mehreren Wendungen und Straßen komme ich endlich an und schon an der Kasse begrüßt mich ein großer Totoro (Filmfigur aus „My neighbour Totoro“). Das Studio Ghibli, nachdem das Museum benannt wurde, ist berühmt für die zeitlos schönen, fantasiereichen und liebevoll gezeichneten Familienfilme ähnlich den Disney-Filmen in Amerika (obwohl die Inhalte meist philosophischer und die Probleme von tief schürfenderer Natur sind, als in jedem Disney-Film). In den letzten Jahren wurde Miyazaki mit seinen Filmen auch im Ausland gefeiert. Sein Film, Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakuchi) gewann sogar den Oscar für den besten ausländischen Film. Das Museum war das letzte Werk, das Miyazaki eigenhändig noch vor seiner Rente geschaffen hat. Eine Traumwelt für Jung und Alt, in der spielerisch die Welt der Zeichentrickfilme erkundet werden kann. Angefangen über anschauliche Darstellungen der Tricktechnik, um Figuren lebendig werden zu lassen, bis hin zu einem Zeichenstudio, dessen Wände über und über mit seinen zahllosen Skizzen behängt sind. Eine Video-Ecke, in der Bewegungen von Mensch, Tier und Pflanzen studiert werden können, einen Raum voller Fotoalben so dick wie Bibeln mit abertausenden Fotos von den schönsten Naturorten dieser Welt. In einem kleinen Kino werden exklusive Animes gezeigt und auf dem Dach findet sich ein Garten mit einer weiteren Figur aus seinen Filmen, dem gefühlvollen Kampfroboter aus Laputa, dem auch ich gern einmal nahe sein möchte.
So schön das Museum auch ist, so grausam sind zum Teil seine Besucher. Am meisten verwundert mich die endlose Masse an Müttern mit ihren kleinen Sprösslingen. Die Kinder verzogen, die Mütter bevormundend und skrupellos. Meine Einschätzung steht fest. Japanische Mütter sind Monster. Ständig müssen sie ihre Kinder in den Vordergrund des Geschehens drängen, immer muss ihr Kind das beste sein. Egal, ob ihr kleiner Spross nun nur für ein Foto posieren soll oder sich einen Anhänger fürs Handy aussuchen darf. Es wird gekratzt, geschubst und gerangelt – vornehmlich mit den anderen Müttern – als ob es um Leben und Tod ginge. Kein Wunder, dass japanische Kinder Selbstmordbegehen, wenn ihre Eltern sie in späteren Jahren in der Schule und Universität genauso bedrängen wundert mich gar nichts mehr.
Und noch etwas ist mir aufgefallen. Hier in diesem Museum, in dem ich mir geschworen habe meine letzten japanischen Yen auszugeben, nur um ein Andenken mit nach Hause nehmen zu können. Ich sage euch, ich habe keinen Yen mehr, als für die Eintrittskarte ausgegeben. Alles nur Ramschartikel. Eine Schande war das. Die besten Dinge, die es zu kaufen gab, waren die Originalfilme und ein paar Originalfilmzeichnungen (für je schlappe 400€). Der Rest der Meute kämpfte – und wenn ich sage kämpfte, dann meine ich das auch so – um die hässlichsten Handyanhänger aller Zeiten. Das einzig schöne an den Anhängern waren meist die Gesichter der Filmfiguren, der Rest war einfach nur billig. Eine herbe Enttäuschung.
Zu allem Überfluss konnte ich den Ausgang nicht finden bzw. wollte ich nicht durch das angegliederte Restaurant marschieren. Also suchte ich mir einen Weg durch den Garten vor dem Haus. Ein Steinweg führte wieder direkt hinauf zum etwas höher gelegenen Eingang des Museums, auf der Hälfte versperrt durch einen kleinen Strick mit Fähnchen. Ich machte mir nichts daraus und huschte schnell den Weg hinauf. Keine zwei Meter vor der Straße versperrte mir plötzlich die Dame vom Eingangskomitee den Weg nach draußen. In ihrem wilden Japanisch konnte ich noch soviel verstehen, dass sie anscheinend vollkommen schockiert sei, wie ich denn den Eingang als Ausgang nutzen könne. Dazu gäbe es doch schließlich einen Ausgang, den doch jeder zu nutzen hätte. Der von mit genutzte Weg sei gar nicht offiziell zum Betreten frei gegeben. Ich schaute sie etwas verständnislos an, entschuldigte mich und wollte gerade weiter in Richtung Straße gehen, als sie mich energisch drängend zum Museum zurück schob und mich freundlich lächelnd anwies durch den Ausgang das Museum zu verlassen. Deutlich verärgert über diese Missgebaren stapfte ich also noch einmal durch das Museum, um dann hinter dem Restaurant keine zwei Meter neben dem Eingang wieder auf die Straße zu treten. Verbohrte Japaner! Wie kann man nur so ordnunsgeil sein…
Auf dem Rückweg in die Innenstadt nahm ich in Shinjuku gleich die nächste JR-Line, um weiter zum Meiji-Schrein zu fahren. Ist immer wieder ein interessantes Gefühl in der Masse von (meist kleineren) Japanern zu stehen, dicht gedrängt, der einzige Halt eine Schlaufe über dem Kopf und dabei die vorbeiziehenden grauen Hochhäuser neben kleinen Holzhäusern vorbeiziehen zu sehen. Genau diese Momente geben einem das Gefühl, endlich mal dazu zu gehören, endlich ein Stück Normalität zu erleben und die Stimmung dieses Volkes zu erfahren.
So habe ich an diesem Tag sogar das Glück, gleich zweimal Opfer des japanischen Ordnungswahns zu werden. Am Bahnhof vom Meiji-Schrein kommt der Zug zum Stehen, doch die Türen öffnen sich nicht. Alles steht und wartet darauf, dass etwas passiert. Die ersten drücken gegen die Türen, wollen aussteigen, bevor der Zug weiterfährt. Dann setzt das Murmeln ein und verschämt werden Blicke mit dem Nachbarn ausgetauscht. Plötzlich dann, ein Ruck der durch den Zug geht. Wir fahren rückwärts. Zentimeterweise schiebt sich die Bahn am Steig entlang. Draußen die gleichen verdatterten Gesichter wie in der Bahn. Dann der Halt und wie von Zauberhand gleiten die Türen auseinander. Vor uns stehen bereits, brav aufgereiht in einer Schlange an der Bahnsteigmarkierung für den Türbereich, die nächsten Passagiere - sturmbereit.
Der Meiji-Schrein ist der bekannteste Shinto-Schrein in Tokyo, ein sehr beliebter Ort für traditionelle Hochzeiten im japanischen Stil, welche vornehmlich am Wochenende abgehalten werden. Umgeben von einem weitläufigen Park voller hoher alter Bäume, lässt es sich dort gut spazieren gehen. Der Weg ist breit, fast so, als ob hier regelmäßig tausende Menschen gleichzeitig einen Weg finden müssten. Ansonsten erkenne ich an dem Schrein nichts Besonderes. Ein Shinto-Schrein wie viele andere. Eine schöne Glocke, das Hauptheiligtum hinter einer Holztür versteckt, die obligatorische Wasserstelle und natürlich mehrere Möglichkeiten sein Glück zu kaufen oder herbei zu wünschen. Ich drehe noch einen großen Bogen über das Gelände und mache mich auf den Rückweg zur Bahn, natürlich nicht ohne den Rest des Parks zu erkunden. Der Spaziergang dauert länger als erwartet und als ich endlich wieder am Bahnhof ankomme, sitzen dort plötzlich eine Gruppe Gothic-Lolitas. Lustiger Anblick, auch wenn ich die Klamotten nicht anziehen würde – Fantasie haben diese Mädchen schon, das muss man ihnen lassen. Nur leider sind sie auch etwas kamerascheu und so kann ich für die Nachwelt leider nicht diese kleinen Meisterwerke der Nähtechnik und Kleiderkombination festhalten.
Was soll es. Ich lasse mich wieder mit der Masse von Menschen in den Bahnhof treiben und besteige die nächst beste Metro Richtung Shibuya. Ein nicht endendes Meer von grauen, abweisenden Hochhäusern schießt vor meinen Augen empor, als wir in den Bahnhof einfahren. Gegenüber dem Ausgang des Bahnhofs befindet sich eines der großen Einkaufszentren Tokyos. Massen von Menschen wuseln über die breiten Straßenkreuzungen, schlürfen die Treppen der Überführungen hinab zu den wartenden Bussen oder eilen zur nächsten Metro. Über meinem Kopf verdecken Stadtautobahn und Bahngleise die Sicht auf den Himmel. Ich haste schnell über die nächste Kreuzung und suche Schutz auf einem etwas weiter entfernten Autobahnübergang. Unter mir stauen sich die Tokyoter Angestellten in ihren Autos zurück nach Hause oder zum nächsten Geschäftstermin. Ein Ende der Autoschlange ist nicht in Sicht.
Irgendwie ertrage ich den Anblick und die dicke Luft nicht mehr und so suche ich den nächsten 7-Eleven auf, um mir erstmal etwas Trinkbares zu organisieren. Das viele Laufen hat mich doch recht durstig gemacht. Leider gibt es hier nichts zum Sitzen und so hocke ich mich schließlich auf einen Blumenkübel des nahe liegenden Bürokomplexes (mit eigenem Starbucks im Erdgeschoss). Ein paar Anzugträger gehen mit schnellen Schritten an mir vorbei, zu Mittagspause in ein nahes Nudelrestaurant. Mir fällt auf, dass die Japaner beim Laufen allesamt einen einheitlich monotonen Gesichtsausdruck annehmen. Fast schon als dumpfes, angestrengtes Starren kann es bezeichnet werden. Die Umwelt wird in der Wahrnehmung auf das Wesentliche begrenzt und jegliches Lächeln verschwindet. Währenddessen bewegen sich die Beine im Staccato von Maschinengewehrschüssen über die betonierten Wege. Alle haben es eilig von einem Ort zum anderen zu kommen.
Mein Ausflug in die Gassen und Seitenstraßen von Shibuya bringt mir keine neuen Höhepunkte – nur fade Hochhäuser soweit das Auge reicht. So kehre ich denn Shibuya den Rücken und fahre doch etwas geschafft zurück zum Hotel.
Am Abend gibt es noch ein Abschiedsessen in alltäglicher Umgebung. Unsere Reiseleitung hat in einer nahe gelegenen kleinen japanischen Kneipe für uns reservieren lassen und so sitzen wir nun zu zwanzigst auf Holzstühlen um eine Theke herum, während in der Mitte des Geschehens eifrig die Köche herumwuseln. Neben dem versprochenen Sake gibt es ein leckeres Essen mit Sashimi, Miso-Suppe, Tempura, Shabu-Shabu, Gemüse und Reis. Mit das beste Essen auf der ganze Reise. Wir freuen uns über den gelungen Abschlussabend, tauschen noch schnell Kontaktadressen aus und erzählen uns gegenseitig, was wir heut so alles gesehen haben. Sehr gemütlich. Erst gegen Mitternacht können wir uns wieder auf den Rückweg zum Hotel machen und zufrieden genießen wir die letzte Nacht in diesem fremden, doch hoch interessanten Land der aufgehenden Sonne.
An dieser Stelle soll mein Reisebericht enden. Natürlich sind wir alle wieder gut heimgekehrt und schon bald hatte uns der graue Alltag wieder eingeholt. Doch die Erinnerungen an diese Reise sind mir noch immer lebendig und werden mir noch lange erhalten bleiben. Ich hoffe, schon bald wieder in dieses interessante Land zurückkehren zu können, um noch mehr von den Geheimnissen Japans zu erforschen. In diesem Sinne bis bald Reisegemeinde :)
Viele Grüße,
eure Sarah
Mein Ziel ist heut als erstes der große Fischmarkt im Hafen Tokyos, an dem tägliche tausende Tonnen frischer Fisch gehandelt und dann in die ganze Welt verschickt werden. Das Mekka für Sashimi-Liebhaber und Leute, die schon immer mal exotische Tiere lebendig und aus der Nähe sehen wollten. Doch nur die frühen Geister werden belohnt. Zwischen 5:00 Uhr und 5:45 Uhr in der Frühe laufen die berühmten Auktionen um riesige Thunfische, Kraken und was es sonst noch so zu kaufen gibt. Doch die Auktionen bleiben mir verwehrt, da die Öffentlichen erst ab 5:00 Uhr wieder ihren Betrieb aufnehmen und ich vom Hotel aus mindestens eine dreiviertel Stunde bis zu meinem Ziel brauche.
In aller Ruhe spaziere ich deshalb durch die menschenleeren Straßen Shinjukus, begleitet nur von den stummen Blicken der gläsernen Hochhäuser. Im Zugangstunnel zum Bahnhof sehe ich plötzlich Gestalten, die sich in die Ecken vor den Schaufensterläden kuscheln. Zugedeckt mit Pappen und Plastiksäcken liegen sie dort eng aneinander gereiht, die Ausgestoßenen und Verlassenen dieser Gesellschaft. Zwei Männer gehen an ihnen vorbei, wecken sie, Aufstehenszeit für die Obdachlosen Tokyos. Bald werden die ersten Berufstätigen zum Bahnhof eilen und die Geschäfte wieder ihren Betrieb aufnehmen. Bis dahin müssen sie verschwunden sein – schließlich soll hier alles aufgeräumt und sauber wirken. Die Obdachlosen führen mir vor Augen, dass auch in Japan die Arbeitslosigkeit immer weiter um sich greift, lange nicht so stark wie in Deutschland. Doch die japanische Kultur verträgt keine Arbeitlosen – eine Welt, in der die Arbeit noch immer Dreh- und Angelpunkt allen Seins ist. Da sind 1,5 Millionen Arbeitslose, eine seit Jahren stagnierende Wirtschaft und die damit einhergehende geringe Anzahl neuer unbefristeter Vollzeitjobs für den Nachwuchs schon Schreckensmeldungen, die ein ganzes Volk aufrütteln und zweifeln lassen. Der Angestellte mit lebenslanger Anstellung ist schon seit langem gestorben. Die Jungen bekommen keine Ausbildungsstellen mehr, geschweige denn Anstellungen. Genommen werden nur die Besten von den Eliteuniversitäten. Alle anderen halten sich mit mittelmäßigen oder vielen kleinen Jobs über Wasser. Jobs ohne Sozial- oder Rentenbeiträge. Jobs, bei denen nicht mal genug Geld zum Sparen übrig bleibt.
Mit diesen Gedanken suche ich mir meinen Weg durch den Bahnhof. Hier irgendwo musste doch das Gleis sein. Eine Gruppe Jugendlicher schaut mich neugierig gackernd an und ein Mädchen mit Pippi Langstrumpf-Zöpfen weist mir nonchalant den Weg. Wieder geht ein Johlen durch die Gruppe. Schade, dass mein Japanisch für die spitzen Kommentare der anderen nicht ausreicht. Vielleicht ist es auch ganz gut so.
Gerade werden die Gleise für die Öffentlichkeit geöffnet und so hocke ich mich auf die Treppenstufen und warte auf die Metro. Nach einer Ewigkeit stelle ich fest, dass ich das falsche Gleis erwischt habe. An diesem riesigen Bahnhof von Shinjuku gibt es für die gleiche Metro zwei Bahnsteige, an jeweils einem Ende des Bahnhofs. Ich hab mir natürlich das falsche ausgesucht. Die Metro kommt trotzdem und so muss ich halt einen kleinen Umweg fahren, der mich leider wieder zehn Minuten der kostbaren Zeit kostet. Gegen 6 Uhr bin ich endlich da und gemeinsam mit einem amerikanischen Pärchen (das extra zum Baseball Spiel der Red Socks nach Tokyo gekommen ist) suchen wir den Eingang zu den Fischmarkthallen. Vorbei an weitläufigen Hallen mit Gemüse, Obst, Teigwaren, Käse, Wurst und was man sonst noch so essen kann, schlängeln wir uns über das unüberschaubare Handelsgelände. Ständig braust ein Laster oder kleine Flitzer an uns vorbei, voll beladen mit gerade erstandener Ware. Eng ist es hier. Höllisch aufpassen muss man, um nicht überfahren zu werden. Zummm, und wieder rauschen gleich fünf Flitzer an uns vorbei. Das war sehr knapp, fast hätte mich einer mitgenommen. Unvorstellbar, hier mit einer Gruppe durchzulaufen ohne das Alltagsgeschehen der Markthallen zu behindern.
Endlich finden wir den Eingang zur Fischhalle mit dem lebendigen Fischzeug und schon bald trennen sich unsere Wege. Ich mache mich daran den Inhalt der vielen blauen, mit Wasser gefüllten Kisten zu erforschen. Immer darauf bedacht, die Händler und Fischer nicht bei ihrer Arbeit zu behindern. In einem Bottich entdecke ich in kleinen Netzen Tintenfische und kleine Kraken, die mir entgegen kriechen. In einem anderen schubsen sich Kugelfische gegenseitig durchs Bassin, einen scheint es schon erwischt zu haben. Den dicken Bauch voll aufgebläht schwimmt er leblos im Wasser. In einer anderen Ecke der Halle sind noch Spuren einer Schlachtung zu erkennen. Auf dem Boden haben sich große, lang gezogene Blutlachen gebildet. Der ganze Boden schwimmt und mir ist, als wate ich die ganze Zeit durch einen Fluss. Ständig wird gespült, damit es trotz all dem Fisch und Blut sauber bleibt. Die Fischer schmunzeln, als sie mich durch die Halle stiefeln sehen und freuen sich, wenn ich mich für ihren Fang interessiere. Immer wieder patschen die grünen und gelben Öl-Stiefel durch das Wasser, um potentiellen Käufern die Meerestiere zu präsentieren und Auskunft zu geben.
Mein Weg führt mich weiter durch die Halle zu den Transportern und nach einigem Suchen sehe ich sie, die gefrorenen Thunfische. Aufgebahrt auf Holzkarren erwarten sie ihre endgültige Hinrichtung an der Säge. Zwei Männer schleppen die schweren Körper einzeln, hieven sie auf den Sägetisch. Zuerst werden Kopf und Schwanz abgesägt, dann der Rumpf geviertelt. Die Viertel kommen zurück auf die Holzkarren und werden von den Käufern in die nächste Halle geschoben. Dort tauen die Teile, Gräten werden entfernt, alles in kleinere Stücke geschnitten und in Styropor-Kisten gepackt. Die unzähligen Restaurantbesitzer stehen bereits eifrig wartend an den Ständen und prüfen den dargebotenen Fisch. Ab und an sieht man einen Restaurantbesitzer mit einem Fischer um den Preis feilschen. Eine Seltenheit in Japan.
Nach einer Stunde schlängle ich mich wieder aus den Markthallen, lassen den Trubel hinter mir und genieße die Stille der noch vergleichsweise leeren, verschlafenen Metro zurück zum Hotel. In meinem Zimmer falle ich erstmal ins Bett und hole bis neun Uhr ein bisschen Schlaf nach. Beim anschließenden Frühstück sehe ich noch die letzten meiner Reisegruppe, wie sie gerade zu ihrem fakultativen Ausflug nach Nikko aufbrechen. Ach wie schön ist die Freiheit, denke ich mir und hole noch einen Nachschlag Obst und Miso-Suppe.
Als nächstes geht es nach Mitaka zum Ghibli-Museum. Erbaut vom bekanntesten Anime-Regisseur Japans, Hayao Miyazaki. In nur zwanzig Minuten bin ich mit der Metro von Shinjuku aus in dem kleinen Randbezirk Tokyos, eigentlich ein reines Wohnviertel mit viel Grün und kleinen Einfamilienhäusern. Entlang eines kleinen Flüsschens, das Ufer voller blühender Kirschbäume, wandere ich durch die Straßen auf der Suche nach dem Museum. Irgendwie ist es hier viel idyllischer und ruhiger als in der hektischen, hoch gebauten Innenstadt. Leider wohl auch unbezahlbar teuer, wie uns unsere Reiseleitung mitgeteilt hatte, denn sie selbst wollte in Mitaka eine Wohnung kaufen (hat sich dann aber doch im Norden Tokyos ansiedeln müssen). Ausländer sehe ich keine – hätte mich auch gewundert.
Nach mehreren Wendungen und Straßen komme ich endlich an und schon an der Kasse begrüßt mich ein großer Totoro (Filmfigur aus „My neighbour Totoro“). Das Studio Ghibli, nachdem das Museum benannt wurde, ist berühmt für die zeitlos schönen, fantasiereichen und liebevoll gezeichneten Familienfilme ähnlich den Disney-Filmen in Amerika (obwohl die Inhalte meist philosophischer und die Probleme von tief schürfenderer Natur sind, als in jedem Disney-Film). In den letzten Jahren wurde Miyazaki mit seinen Filmen auch im Ausland gefeiert. Sein Film, Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakuchi) gewann sogar den Oscar für den besten ausländischen Film. Das Museum war das letzte Werk, das Miyazaki eigenhändig noch vor seiner Rente geschaffen hat. Eine Traumwelt für Jung und Alt, in der spielerisch die Welt der Zeichentrickfilme erkundet werden kann. Angefangen über anschauliche Darstellungen der Tricktechnik, um Figuren lebendig werden zu lassen, bis hin zu einem Zeichenstudio, dessen Wände über und über mit seinen zahllosen Skizzen behängt sind. Eine Video-Ecke, in der Bewegungen von Mensch, Tier und Pflanzen studiert werden können, einen Raum voller Fotoalben so dick wie Bibeln mit abertausenden Fotos von den schönsten Naturorten dieser Welt. In einem kleinen Kino werden exklusive Animes gezeigt und auf dem Dach findet sich ein Garten mit einer weiteren Figur aus seinen Filmen, dem gefühlvollen Kampfroboter aus Laputa, dem auch ich gern einmal nahe sein möchte.
So schön das Museum auch ist, so grausam sind zum Teil seine Besucher. Am meisten verwundert mich die endlose Masse an Müttern mit ihren kleinen Sprösslingen. Die Kinder verzogen, die Mütter bevormundend und skrupellos. Meine Einschätzung steht fest. Japanische Mütter sind Monster. Ständig müssen sie ihre Kinder in den Vordergrund des Geschehens drängen, immer muss ihr Kind das beste sein. Egal, ob ihr kleiner Spross nun nur für ein Foto posieren soll oder sich einen Anhänger fürs Handy aussuchen darf. Es wird gekratzt, geschubst und gerangelt – vornehmlich mit den anderen Müttern – als ob es um Leben und Tod ginge. Kein Wunder, dass japanische Kinder Selbstmordbegehen, wenn ihre Eltern sie in späteren Jahren in der Schule und Universität genauso bedrängen wundert mich gar nichts mehr.
Und noch etwas ist mir aufgefallen. Hier in diesem Museum, in dem ich mir geschworen habe meine letzten japanischen Yen auszugeben, nur um ein Andenken mit nach Hause nehmen zu können. Ich sage euch, ich habe keinen Yen mehr, als für die Eintrittskarte ausgegeben. Alles nur Ramschartikel. Eine Schande war das. Die besten Dinge, die es zu kaufen gab, waren die Originalfilme und ein paar Originalfilmzeichnungen (für je schlappe 400€). Der Rest der Meute kämpfte – und wenn ich sage kämpfte, dann meine ich das auch so – um die hässlichsten Handyanhänger aller Zeiten. Das einzig schöne an den Anhängern waren meist die Gesichter der Filmfiguren, der Rest war einfach nur billig. Eine herbe Enttäuschung.
Zu allem Überfluss konnte ich den Ausgang nicht finden bzw. wollte ich nicht durch das angegliederte Restaurant marschieren. Also suchte ich mir einen Weg durch den Garten vor dem Haus. Ein Steinweg führte wieder direkt hinauf zum etwas höher gelegenen Eingang des Museums, auf der Hälfte versperrt durch einen kleinen Strick mit Fähnchen. Ich machte mir nichts daraus und huschte schnell den Weg hinauf. Keine zwei Meter vor der Straße versperrte mir plötzlich die Dame vom Eingangskomitee den Weg nach draußen. In ihrem wilden Japanisch konnte ich noch soviel verstehen, dass sie anscheinend vollkommen schockiert sei, wie ich denn den Eingang als Ausgang nutzen könne. Dazu gäbe es doch schließlich einen Ausgang, den doch jeder zu nutzen hätte. Der von mit genutzte Weg sei gar nicht offiziell zum Betreten frei gegeben. Ich schaute sie etwas verständnislos an, entschuldigte mich und wollte gerade weiter in Richtung Straße gehen, als sie mich energisch drängend zum Museum zurück schob und mich freundlich lächelnd anwies durch den Ausgang das Museum zu verlassen. Deutlich verärgert über diese Missgebaren stapfte ich also noch einmal durch das Museum, um dann hinter dem Restaurant keine zwei Meter neben dem Eingang wieder auf die Straße zu treten. Verbohrte Japaner! Wie kann man nur so ordnunsgeil sein…
Auf dem Rückweg in die Innenstadt nahm ich in Shinjuku gleich die nächste JR-Line, um weiter zum Meiji-Schrein zu fahren. Ist immer wieder ein interessantes Gefühl in der Masse von (meist kleineren) Japanern zu stehen, dicht gedrängt, der einzige Halt eine Schlaufe über dem Kopf und dabei die vorbeiziehenden grauen Hochhäuser neben kleinen Holzhäusern vorbeiziehen zu sehen. Genau diese Momente geben einem das Gefühl, endlich mal dazu zu gehören, endlich ein Stück Normalität zu erleben und die Stimmung dieses Volkes zu erfahren.
So habe ich an diesem Tag sogar das Glück, gleich zweimal Opfer des japanischen Ordnungswahns zu werden. Am Bahnhof vom Meiji-Schrein kommt der Zug zum Stehen, doch die Türen öffnen sich nicht. Alles steht und wartet darauf, dass etwas passiert. Die ersten drücken gegen die Türen, wollen aussteigen, bevor der Zug weiterfährt. Dann setzt das Murmeln ein und verschämt werden Blicke mit dem Nachbarn ausgetauscht. Plötzlich dann, ein Ruck der durch den Zug geht. Wir fahren rückwärts. Zentimeterweise schiebt sich die Bahn am Steig entlang. Draußen die gleichen verdatterten Gesichter wie in der Bahn. Dann der Halt und wie von Zauberhand gleiten die Türen auseinander. Vor uns stehen bereits, brav aufgereiht in einer Schlange an der Bahnsteigmarkierung für den Türbereich, die nächsten Passagiere - sturmbereit.
Der Meiji-Schrein ist der bekannteste Shinto-Schrein in Tokyo, ein sehr beliebter Ort für traditionelle Hochzeiten im japanischen Stil, welche vornehmlich am Wochenende abgehalten werden. Umgeben von einem weitläufigen Park voller hoher alter Bäume, lässt es sich dort gut spazieren gehen. Der Weg ist breit, fast so, als ob hier regelmäßig tausende Menschen gleichzeitig einen Weg finden müssten. Ansonsten erkenne ich an dem Schrein nichts Besonderes. Ein Shinto-Schrein wie viele andere. Eine schöne Glocke, das Hauptheiligtum hinter einer Holztür versteckt, die obligatorische Wasserstelle und natürlich mehrere Möglichkeiten sein Glück zu kaufen oder herbei zu wünschen. Ich drehe noch einen großen Bogen über das Gelände und mache mich auf den Rückweg zur Bahn, natürlich nicht ohne den Rest des Parks zu erkunden. Der Spaziergang dauert länger als erwartet und als ich endlich wieder am Bahnhof ankomme, sitzen dort plötzlich eine Gruppe Gothic-Lolitas. Lustiger Anblick, auch wenn ich die Klamotten nicht anziehen würde – Fantasie haben diese Mädchen schon, das muss man ihnen lassen. Nur leider sind sie auch etwas kamerascheu und so kann ich für die Nachwelt leider nicht diese kleinen Meisterwerke der Nähtechnik und Kleiderkombination festhalten.
Was soll es. Ich lasse mich wieder mit der Masse von Menschen in den Bahnhof treiben und besteige die nächst beste Metro Richtung Shibuya. Ein nicht endendes Meer von grauen, abweisenden Hochhäusern schießt vor meinen Augen empor, als wir in den Bahnhof einfahren. Gegenüber dem Ausgang des Bahnhofs befindet sich eines der großen Einkaufszentren Tokyos. Massen von Menschen wuseln über die breiten Straßenkreuzungen, schlürfen die Treppen der Überführungen hinab zu den wartenden Bussen oder eilen zur nächsten Metro. Über meinem Kopf verdecken Stadtautobahn und Bahngleise die Sicht auf den Himmel. Ich haste schnell über die nächste Kreuzung und suche Schutz auf einem etwas weiter entfernten Autobahnübergang. Unter mir stauen sich die Tokyoter Angestellten in ihren Autos zurück nach Hause oder zum nächsten Geschäftstermin. Ein Ende der Autoschlange ist nicht in Sicht.
Irgendwie ertrage ich den Anblick und die dicke Luft nicht mehr und so suche ich den nächsten 7-Eleven auf, um mir erstmal etwas Trinkbares zu organisieren. Das viele Laufen hat mich doch recht durstig gemacht. Leider gibt es hier nichts zum Sitzen und so hocke ich mich schließlich auf einen Blumenkübel des nahe liegenden Bürokomplexes (mit eigenem Starbucks im Erdgeschoss). Ein paar Anzugträger gehen mit schnellen Schritten an mir vorbei, zu Mittagspause in ein nahes Nudelrestaurant. Mir fällt auf, dass die Japaner beim Laufen allesamt einen einheitlich monotonen Gesichtsausdruck annehmen. Fast schon als dumpfes, angestrengtes Starren kann es bezeichnet werden. Die Umwelt wird in der Wahrnehmung auf das Wesentliche begrenzt und jegliches Lächeln verschwindet. Währenddessen bewegen sich die Beine im Staccato von Maschinengewehrschüssen über die betonierten Wege. Alle haben es eilig von einem Ort zum anderen zu kommen.
Mein Ausflug in die Gassen und Seitenstraßen von Shibuya bringt mir keine neuen Höhepunkte – nur fade Hochhäuser soweit das Auge reicht. So kehre ich denn Shibuya den Rücken und fahre doch etwas geschafft zurück zum Hotel.
Am Abend gibt es noch ein Abschiedsessen in alltäglicher Umgebung. Unsere Reiseleitung hat in einer nahe gelegenen kleinen japanischen Kneipe für uns reservieren lassen und so sitzen wir nun zu zwanzigst auf Holzstühlen um eine Theke herum, während in der Mitte des Geschehens eifrig die Köche herumwuseln. Neben dem versprochenen Sake gibt es ein leckeres Essen mit Sashimi, Miso-Suppe, Tempura, Shabu-Shabu, Gemüse und Reis. Mit das beste Essen auf der ganze Reise. Wir freuen uns über den gelungen Abschlussabend, tauschen noch schnell Kontaktadressen aus und erzählen uns gegenseitig, was wir heut so alles gesehen haben. Sehr gemütlich. Erst gegen Mitternacht können wir uns wieder auf den Rückweg zum Hotel machen und zufrieden genießen wir die letzte Nacht in diesem fremden, doch hoch interessanten Land der aufgehenden Sonne.
An dieser Stelle soll mein Reisebericht enden. Natürlich sind wir alle wieder gut heimgekehrt und schon bald hatte uns der graue Alltag wieder eingeholt. Doch die Erinnerungen an diese Reise sind mir noch immer lebendig und werden mir noch lange erhalten bleiben. Ich hoffe, schon bald wieder in dieses interessante Land zurückkehren zu können, um noch mehr von den Geheimnissen Japans zu erforschen. In diesem Sinne bis bald Reisegemeinde :)
Viele Grüße,
eure Sarah
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