Donnerstag, 27. März 2008

Japan - Reisetag 11

Heute ist ein besonderer Tag – mein einziger freier Tag dieser Reise. Ein Tag, an dem ich tun und lassen kann, was ich möchte. Genießerisch schwinge ich gegen 4:00 Uhr morgens die Beine aus dem Bett, schleiche ins Bad und kippe mir einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht. Trotz dieser unchristlichen Zeit bin ich erstaunlich wach und eine innere Spannung treibt mich an.
Mein Ziel ist heut als erstes der große Fischmarkt im Hafen Tokyos, an dem tägliche tausende Tonnen frischer Fisch gehandelt und dann in die ganze Welt verschickt werden. Das Mekka für Sashimi-Liebhaber und Leute, die schon immer mal exotische Tiere lebendig und aus der Nähe sehen wollten. Doch nur die frühen Geister werden belohnt. Zwischen 5:00 Uhr und 5:45 Uhr in der Frühe laufen die berühmten Auktionen um riesige Thunfische, Kraken und was es sonst noch so zu kaufen gibt. Doch die Auktionen bleiben mir verwehrt, da die Öffentlichen erst ab 5:00 Uhr wieder ihren Betrieb aufnehmen und ich vom Hotel aus mindestens eine dreiviertel Stunde bis zu meinem Ziel brauche.
In aller Ruhe spaziere ich deshalb durch die menschenleeren Straßen Shinjukus, begleitet nur von den stummen Blicken der gläsernen Hochhäuser. Im Zugangstunnel zum Bahnhof sehe ich plötzlich Gestalten, die sich in die Ecken vor den Schaufensterläden kuscheln. Zugedeckt mit Pappen und Plastiksäcken liegen sie dort eng aneinander gereiht, die Ausgestoßenen und Verlassenen dieser Gesellschaft. Zwei Männer gehen an ihnen vorbei, wecken sie, Aufstehenszeit für die Obdachlosen Tokyos. Bald werden die ersten Berufstätigen zum Bahnhof eilen und die Geschäfte wieder ihren Betrieb aufnehmen. Bis dahin müssen sie verschwunden sein – schließlich soll hier alles aufgeräumt und sauber wirken. Die Obdachlosen führen mir vor Augen, dass auch in Japan die Arbeitslosigkeit immer weiter um sich greift, lange nicht so stark wie in Deutschland. Doch die japanische Kultur verträgt keine Arbeitlosen – eine Welt, in der die Arbeit noch immer Dreh- und Angelpunkt allen Seins ist. Da sind 1,5 Millionen Arbeitslose, eine seit Jahren stagnierende Wirtschaft und die damit einhergehende geringe Anzahl neuer unbefristeter Vollzeitjobs für den Nachwuchs schon Schreckensmeldungen, die ein ganzes Volk aufrütteln und zweifeln lassen. Der Angestellte mit lebenslanger Anstellung ist schon seit langem gestorben. Die Jungen bekommen keine Ausbildungsstellen mehr, geschweige denn Anstellungen. Genommen werden nur die Besten von den Eliteuniversitäten. Alle anderen halten sich mit mittelmäßigen oder vielen kleinen Jobs über Wasser. Jobs ohne Sozial- oder Rentenbeiträge. Jobs, bei denen nicht mal genug Geld zum Sparen übrig bleibt.
Mit diesen Gedanken suche ich mir meinen Weg durch den Bahnhof. Hier irgendwo musste doch das Gleis sein. Eine Gruppe Jugendlicher schaut mich neugierig gackernd an und ein Mädchen mit Pippi Langstrumpf-Zöpfen weist mir nonchalant den Weg. Wieder geht ein Johlen durch die Gruppe. Schade, dass mein Japanisch für die spitzen Kommentare der anderen nicht ausreicht. Vielleicht ist es auch ganz gut so.
Gerade werden die Gleise für die Öffentlichkeit geöffnet und so hocke ich mich auf die Treppenstufen und warte auf die Metro. Nach einer Ewigkeit stelle ich fest, dass ich das falsche Gleis erwischt habe. An diesem riesigen Bahnhof von Shinjuku gibt es für die gleiche Metro zwei Bahnsteige, an jeweils einem Ende des Bahnhofs. Ich hab mir natürlich das falsche ausgesucht. Die Metro kommt trotzdem und so muss ich halt einen kleinen Umweg fahren, der mich leider wieder zehn Minuten der kostbaren Zeit kostet. Gegen 6 Uhr bin ich endlich da und gemeinsam mit einem amerikanischen Pärchen (das extra zum Baseball Spiel der Red Socks nach Tokyo gekommen ist) suchen wir den Eingang zu den Fischmarkthallen. Vorbei an weitläufigen Hallen mit Gemüse, Obst, Teigwaren, Käse, Wurst und was man sonst noch so essen kann, schlängeln wir uns über das unüberschaubare Handelsgelände. Ständig braust ein Laster oder kleine Flitzer an uns vorbei, voll beladen mit gerade erstandener Ware. Eng ist es hier. Höllisch aufpassen muss man, um nicht überfahren zu werden. Zummm, und wieder rauschen gleich fünf Flitzer an uns vorbei. Das war sehr knapp, fast hätte mich einer mitgenommen. Unvorstellbar, hier mit einer Gruppe durchzulaufen ohne das Alltagsgeschehen der Markthallen zu behindern.
Endlich finden wir den Eingang zur Fischhalle mit dem lebendigen Fischzeug und schon bald trennen sich unsere Wege. Ich mache mich daran den Inhalt der vielen blauen, mit Wasser gefüllten Kisten zu erforschen. Immer darauf bedacht, die Händler und Fischer nicht bei ihrer Arbeit zu behindern. In einem Bottich entdecke ich in kleinen Netzen Tintenfische und kleine Kraken, die mir entgegen kriechen. In einem anderen schubsen sich Kugelfische gegenseitig durchs Bassin, einen scheint es schon erwischt zu haben. Den dicken Bauch voll aufgebläht schwimmt er leblos im Wasser. In einer anderen Ecke der Halle sind noch Spuren einer Schlachtung zu erkennen. Auf dem Boden haben sich große, lang gezogene Blutlachen gebildet. Der ganze Boden schwimmt und mir ist, als wate ich die ganze Zeit durch einen Fluss. Ständig wird gespült, damit es trotz all dem Fisch und Blut sauber bleibt. Die Fischer schmunzeln, als sie mich durch die Halle stiefeln sehen und freuen sich, wenn ich mich für ihren Fang interessiere. Immer wieder patschen die grünen und gelben Öl-Stiefel durch das Wasser, um potentiellen Käufern die Meerestiere zu präsentieren und Auskunft zu geben.
Mein Weg führt mich weiter durch die Halle zu den Transportern und nach einigem Suchen sehe ich sie, die gefrorenen Thunfische. Aufgebahrt auf Holzkarren erwarten sie ihre endgültige Hinrichtung an der Säge. Zwei Männer schleppen die schweren Körper einzeln, hieven sie auf den Sägetisch. Zuerst werden Kopf und Schwanz abgesägt, dann der Rumpf geviertelt. Die Viertel kommen zurück auf die Holzkarren und werden von den Käufern in die nächste Halle geschoben. Dort tauen die Teile, Gräten werden entfernt, alles in kleinere Stücke geschnitten und in Styropor-Kisten gepackt. Die unzähligen Restaurantbesitzer stehen bereits eifrig wartend an den Ständen und prüfen den dargebotenen Fisch. Ab und an sieht man einen Restaurantbesitzer mit einem Fischer um den Preis feilschen. Eine Seltenheit in Japan.
Nach einer Stunde schlängle ich mich wieder aus den Markthallen, lassen den Trubel hinter mir und genieße die Stille der noch vergleichsweise leeren, verschlafenen Metro zurück zum Hotel. In meinem Zimmer falle ich erstmal ins Bett und hole bis neun Uhr ein bisschen Schlaf nach. Beim anschließenden Frühstück sehe ich noch die letzten meiner Reisegruppe, wie sie gerade zu ihrem fakultativen Ausflug nach Nikko aufbrechen. Ach wie schön ist die Freiheit, denke ich mir und hole noch einen Nachschlag Obst und Miso-Suppe.
Als nächstes geht es nach Mitaka zum Ghibli-Museum. Erbaut vom bekanntesten Anime-Regisseur Japans, Hayao Miyazaki. In nur zwanzig Minuten bin ich mit der Metro von Shinjuku aus in dem kleinen Randbezirk Tokyos, eigentlich ein reines Wohnviertel mit viel Grün und kleinen Einfamilienhäusern. Entlang eines kleinen Flüsschens, das Ufer voller blühender Kirschbäume, wandere ich durch die Straßen auf der Suche nach dem Museum. Irgendwie ist es hier viel idyllischer und ruhiger als in der hektischen, hoch gebauten Innenstadt. Leider wohl auch unbezahlbar teuer, wie uns unsere Reiseleitung mitgeteilt hatte, denn sie selbst wollte in Mitaka eine Wohnung kaufen (hat sich dann aber doch im Norden Tokyos ansiedeln müssen). Ausländer sehe ich keine – hätte mich auch gewundert.
Nach mehreren Wendungen und Straßen komme ich endlich an und schon an der Kasse begrüßt mich ein großer Totoro (Filmfigur aus „My neighbour Totoro“). Das Studio Ghibli, nachdem das Museum benannt wurde, ist berühmt für die zeitlos schönen, fantasiereichen und liebevoll gezeichneten Familienfilme ähnlich den Disney-Filmen in Amerika (obwohl die Inhalte meist philosophischer und die Probleme von tief schürfenderer Natur sind, als in jedem Disney-Film). In den letzten Jahren wurde Miyazaki mit seinen Filmen auch im Ausland gefeiert. Sein Film, Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakuchi) gewann sogar den Oscar für den besten ausländischen Film. Das Museum war das letzte Werk, das Miyazaki eigenhändig noch vor seiner Rente geschaffen hat. Eine Traumwelt für Jung und Alt, in der spielerisch die Welt der Zeichentrickfilme erkundet werden kann. Angefangen über anschauliche Darstellungen der Tricktechnik, um Figuren lebendig werden zu lassen, bis hin zu einem Zeichenstudio, dessen Wände über und über mit seinen zahllosen Skizzen behängt sind. Eine Video-Ecke, in der Bewegungen von Mensch, Tier und Pflanzen studiert werden können, einen Raum voller Fotoalben so dick wie Bibeln mit abertausenden Fotos von den schönsten Naturorten dieser Welt. In einem kleinen Kino werden exklusive Animes gezeigt und auf dem Dach findet sich ein Garten mit einer weiteren Figur aus seinen Filmen, dem gefühlvollen Kampfroboter aus Laputa, dem auch ich gern einmal nahe sein möchte.
So schön das Museum auch ist, so grausam sind zum Teil seine Besucher. Am meisten verwundert mich die endlose Masse an Müttern mit ihren kleinen Sprösslingen. Die Kinder verzogen, die Mütter bevormundend und skrupellos. Meine Einschätzung steht fest. Japanische Mütter sind Monster. Ständig müssen sie ihre Kinder in den Vordergrund des Geschehens drängen, immer muss ihr Kind das beste sein. Egal, ob ihr kleiner Spross nun nur für ein Foto posieren soll oder sich einen Anhänger fürs Handy aussuchen darf. Es wird gekratzt, geschubst und gerangelt – vornehmlich mit den anderen Müttern – als ob es um Leben und Tod ginge. Kein Wunder, dass japanische Kinder Selbstmordbegehen, wenn ihre Eltern sie in späteren Jahren in der Schule und Universität genauso bedrängen wundert mich gar nichts mehr.
Und noch etwas ist mir aufgefallen. Hier in diesem Museum, in dem ich mir geschworen habe meine letzten japanischen Yen auszugeben, nur um ein Andenken mit nach Hause nehmen zu können. Ich sage euch, ich habe keinen Yen mehr, als für die Eintrittskarte ausgegeben. Alles nur Ramschartikel. Eine Schande war das. Die besten Dinge, die es zu kaufen gab, waren die Originalfilme und ein paar Originalfilmzeichnungen (für je schlappe 400€). Der Rest der Meute kämpfte – und wenn ich sage kämpfte, dann meine ich das auch so – um die hässlichsten Handyanhänger aller Zeiten. Das einzig schöne an den Anhängern waren meist die Gesichter der Filmfiguren, der Rest war einfach nur billig. Eine herbe Enttäuschung.
Zu allem Überfluss konnte ich den Ausgang nicht finden bzw. wollte ich nicht durch das angegliederte Restaurant marschieren. Also suchte ich mir einen Weg durch den Garten vor dem Haus. Ein Steinweg führte wieder direkt hinauf zum etwas höher gelegenen Eingang des Museums, auf der Hälfte versperrt durch einen kleinen Strick mit Fähnchen. Ich machte mir nichts daraus und huschte schnell den Weg hinauf. Keine zwei Meter vor der Straße versperrte mir plötzlich die Dame vom Eingangskomitee den Weg nach draußen. In ihrem wilden Japanisch konnte ich noch soviel verstehen, dass sie anscheinend vollkommen schockiert sei, wie ich denn den Eingang als Ausgang nutzen könne. Dazu gäbe es doch schließlich einen Ausgang, den doch jeder zu nutzen hätte. Der von mit genutzte Weg sei gar nicht offiziell zum Betreten frei gegeben. Ich schaute sie etwas verständnislos an, entschuldigte mich und wollte gerade weiter in Richtung Straße gehen, als sie mich energisch drängend zum Museum zurück schob und mich freundlich lächelnd anwies durch den Ausgang das Museum zu verlassen. Deutlich verärgert über diese Missgebaren stapfte ich also noch einmal durch das Museum, um dann hinter dem Restaurant keine zwei Meter neben dem Eingang wieder auf die Straße zu treten. Verbohrte Japaner! Wie kann man nur so ordnunsgeil sein…
Auf dem Rückweg in die Innenstadt nahm ich in Shinjuku gleich die nächste JR-Line, um weiter zum Meiji-Schrein zu fahren. Ist immer wieder ein interessantes Gefühl in der Masse von (meist kleineren) Japanern zu stehen, dicht gedrängt, der einzige Halt eine Schlaufe über dem Kopf und dabei die vorbeiziehenden grauen Hochhäuser neben kleinen Holzhäusern vorbeiziehen zu sehen. Genau diese Momente geben einem das Gefühl, endlich mal dazu zu gehören, endlich ein Stück Normalität zu erleben und die Stimmung dieses Volkes zu erfahren.
So habe ich an diesem Tag sogar das Glück, gleich zweimal Opfer des japanischen Ordnungswahns zu werden. Am Bahnhof vom Meiji-Schrein kommt der Zug zum Stehen, doch die Türen öffnen sich nicht. Alles steht und wartet darauf, dass etwas passiert. Die ersten drücken gegen die Türen, wollen aussteigen, bevor der Zug weiterfährt. Dann setzt das Murmeln ein und verschämt werden Blicke mit dem Nachbarn ausgetauscht. Plötzlich dann, ein Ruck der durch den Zug geht. Wir fahren rückwärts. Zentimeterweise schiebt sich die Bahn am Steig entlang. Draußen die gleichen verdatterten Gesichter wie in der Bahn. Dann der Halt und wie von Zauberhand gleiten die Türen auseinander. Vor uns stehen bereits, brav aufgereiht in einer Schlange an der Bahnsteigmarkierung für den Türbereich, die nächsten Passagiere - sturmbereit.
Der Meiji-Schrein ist der bekannteste Shinto-Schrein in Tokyo, ein sehr beliebter Ort für traditionelle Hochzeiten im japanischen Stil, welche vornehmlich am Wochenende abgehalten werden. Umgeben von einem weitläufigen Park voller hoher alter Bäume, lässt es sich dort gut spazieren gehen. Der Weg ist breit, fast so, als ob hier regelmäßig tausende Menschen gleichzeitig einen Weg finden müssten. Ansonsten erkenne ich an dem Schrein nichts Besonderes. Ein Shinto-Schrein wie viele andere. Eine schöne Glocke, das Hauptheiligtum hinter einer Holztür versteckt, die obligatorische Wasserstelle und natürlich mehrere Möglichkeiten sein Glück zu kaufen oder herbei zu wünschen. Ich drehe noch einen großen Bogen über das Gelände und mache mich auf den Rückweg zur Bahn, natürlich nicht ohne den Rest des Parks zu erkunden. Der Spaziergang dauert länger als erwartet und als ich endlich wieder am Bahnhof ankomme, sitzen dort plötzlich eine Gruppe Gothic-Lolitas. Lustiger Anblick, auch wenn ich die Klamotten nicht anziehen würde – Fantasie haben diese Mädchen schon, das muss man ihnen lassen. Nur leider sind sie auch etwas kamerascheu und so kann ich für die Nachwelt leider nicht diese kleinen Meisterwerke der Nähtechnik und Kleiderkombination festhalten.
Was soll es. Ich lasse mich wieder mit der Masse von Menschen in den Bahnhof treiben und besteige die nächst beste Metro Richtung Shibuya. Ein nicht endendes Meer von grauen, abweisenden Hochhäusern schießt vor meinen Augen empor, als wir in den Bahnhof einfahren. Gegenüber dem Ausgang des Bahnhofs befindet sich eines der großen Einkaufszentren Tokyos. Massen von Menschen wuseln über die breiten Straßenkreuzungen, schlürfen die Treppen der Überführungen hinab zu den wartenden Bussen oder eilen zur nächsten Metro. Über meinem Kopf verdecken Stadtautobahn und Bahngleise die Sicht auf den Himmel. Ich haste schnell über die nächste Kreuzung und suche Schutz auf einem etwas weiter entfernten Autobahnübergang. Unter mir stauen sich die Tokyoter Angestellten in ihren Autos zurück nach Hause oder zum nächsten Geschäftstermin. Ein Ende der Autoschlange ist nicht in Sicht.
Irgendwie ertrage ich den Anblick und die dicke Luft nicht mehr und so suche ich den nächsten 7-Eleven auf, um mir erstmal etwas Trinkbares zu organisieren. Das viele Laufen hat mich doch recht durstig gemacht. Leider gibt es hier nichts zum Sitzen und so hocke ich mich schließlich auf einen Blumenkübel des nahe liegenden Bürokomplexes (mit eigenem Starbucks im Erdgeschoss). Ein paar Anzugträger gehen mit schnellen Schritten an mir vorbei, zu Mittagspause in ein nahes Nudelrestaurant. Mir fällt auf, dass die Japaner beim Laufen allesamt einen einheitlich monotonen Gesichtsausdruck annehmen. Fast schon als dumpfes, angestrengtes Starren kann es bezeichnet werden. Die Umwelt wird in der Wahrnehmung auf das Wesentliche begrenzt und jegliches Lächeln verschwindet. Währenddessen bewegen sich die Beine im Staccato von Maschinengewehrschüssen über die betonierten Wege. Alle haben es eilig von einem Ort zum anderen zu kommen.
Mein Ausflug in die Gassen und Seitenstraßen von Shibuya bringt mir keine neuen Höhepunkte – nur fade Hochhäuser soweit das Auge reicht. So kehre ich denn Shibuya den Rücken und fahre doch etwas geschafft zurück zum Hotel.
Am Abend gibt es noch ein Abschiedsessen in alltäglicher Umgebung. Unsere Reiseleitung hat in einer nahe gelegenen kleinen japanischen Kneipe für uns reservieren lassen und so sitzen wir nun zu zwanzigst auf Holzstühlen um eine Theke herum, während in der Mitte des Geschehens eifrig die Köche herumwuseln. Neben dem versprochenen Sake gibt es ein leckeres Essen mit Sashimi, Miso-Suppe, Tempura, Shabu-Shabu, Gemüse und Reis. Mit das beste Essen auf der ganze Reise. Wir freuen uns über den gelungen Abschlussabend, tauschen noch schnell Kontaktadressen aus und erzählen uns gegenseitig, was wir heut so alles gesehen haben. Sehr gemütlich. Erst gegen Mitternacht können wir uns wieder auf den Rückweg zum Hotel machen und zufrieden genießen wir die letzte Nacht in diesem fremden, doch hoch interessanten Land der aufgehenden Sonne.

An dieser Stelle soll mein Reisebericht enden. Natürlich sind wir alle wieder gut heimgekehrt und schon bald hatte uns der graue Alltag wieder eingeholt. Doch die Erinnerungen an diese Reise sind mir noch immer lebendig und werden mir noch lange erhalten bleiben. Ich hoffe, schon bald wieder in dieses interessante Land zurückkehren zu können, um noch mehr von den Geheimnissen Japans zu erforschen. In diesem Sinne bis bald Reisegemeinde :)

Viele Grüße,
eure Sarah

Montag, 24. März 2008

Japan - Reisetag 8

Den heutigen Tag können wir getrost unter totale Pleite verbuchen. Nach einem misslungenen Frühstück im Ryokan (Gesamtnote 4+), sollte der Tag heute voll im Zeichen des Fuji-san stehen. Dieser mächtige Vulkan-Berg, heiß-verehrtes Wahrzeichen Japans und Pilgerziel tausender Menschen jedes Jahr – hatte heute keine Lust. Neben anhaltendem Sprühregen, war der Fuji-san dauerhaft hinter einer dichten Nebelwand verborgen und wollte partout sein Gesicht nicht zeigen. Der Besuch im Fuji-Visitor-Center gestaltete sich als Massen-Touristenabfertigung, der es möglichst schnell zu entkommen galt.

In einem nahen Supermarkt konnten wir uns zumindest für die nächsten Tage mit etwas Anständigem zum Essen ausrüsten (endlich ein richtiges Frühstück!). Herrlich, endlich wieder mal Obst, Rosinenbrötchen, Muffins, Schokolade und Onigiris futtern. Jetzt konnte mich nichts mehr umhauen.

Unser nächstes Ziel waren die stinkenden Schwefelquellen auf dem Hakone-Berg. Dort wurden schwarze in Schwefelwasser getunkte Eier verkauft, die das Leben um sieben Jahre verlängern sollen. Ich habe lieber einen großen Bogen drum gemacht und denke, mir damit tatsächlich sieben Jahre meines Lebens erhalten zu haben.

Abschließend gab es noch eine enttäuschende Fahrt auf dem Ashi-See mit nicht vorhandenem Ausblick auf den Fuji-san, bevor wir in unser Hotel einkehrten. Erst zum Sonnenuntergang kam der Fuji-san endlich mit seiner Spitze hinter den dichten Nebelschwaden zum Vorschein und entlockte noch so manchen Bewunderer Ausrufe der Begeisterung.

Na gut, hier die Highlights als Fotos.

Grüße vom anderen Ende der Welt,
eure Sarah

Sonntag, 23. März 2008

Japan - Reisetag 7

Am Morgen besuchen wir in aller Frühe den Morgenmarkt in Takayama. Entlang des Flüsschens windet sich eine Straße, auf der nun eine überschaubare Anzahl weiß-überdachter Stände steht und diverse Waren feilgeboten werden. Von frischem Gemüse (vieles davon würde ich nie in den Mund nehmen) über traditionelle Süßigkeiten und Haushaltskram ist alles dabei. Die Sesam-Cracker und Tochi-Nuss-Snacks (regionale Spezialität) sind besonders gut und so packe ich erstmal ein paar Sachen als Mitbringsel ein. Überwacht wir das Ganze von der kleinen dicken Figur des Glücksgottes der Kaufleute, der die Besucher des Marktes am Anfang der Straße begrüßt.

Auf einer nahen Brücke sichten wir zwei seltsame Figuren mit ewig langen Armen oder Beinen. Uns wird erklärt, dass dies die ersten Kinder der Sonnengöttin mit dem Erdgott seien. Die langen Arme dienen dem Erdwandler zum Früchte sammeln, die langen Beine dem Meeresgott zum waten und Fisch fangen. Etwas missgebildet wirken sie trotzdem.

Weiter geht es mit dem Bus ins Freilichtmuseum von Hida. Hier gibt es hunderte traditionelle japanische Häuser aus dem ganzen Land mit Baustilen aus vier Jahrhunderten. Die Häuser wurden zumeist hierher gebracht, wenn ein Dammbau oder die Errichtung neuer Stauseen die Häuser sonst zerstört hätte.

Zuerst besuchen wir ein altes Weberhaus, welches durch das ewig rauchende Feuer in der Mitte des Hauses ganz verrußt und dunkel geworden ist. Der Ruß diente den Menschen damals als natürlicher Holzschutz vor Ungeziefer, während das Feuer einzige Wärmequelle des ganzen Hauses war. Die Holzdächer, aus versetzt gelegten Schindeln gefertigt, waren Erdbeben sicher und Luft durchlässig, so dass ein ständiger Luftaustausch im Haus gewährleistet war. Einziger Nachteil, die hohe Brennbarkeit.

Weitere Häuser sind eine dreistöckige Seidenraupenzucht (1.OG: Spinnerei, 2.OG: Raupenzucht, 3.OG: Seidenlagerung), ein Farmhaus mit zweitem Eingang übers Dach für die schneereichen Wintermonate, ein lokaler Shinto-Schrein, ein ehemaliges Schlittenhaus und Häuser zur Papierherstellung, zum Reisstroh flechten und für Lackarbeiten (Lackgewinnung aus geritztem Lackbaum). Der Shinto-Schrein besitzt eine herrliche Glocke, die wir sogar ausprobieren dürfen. Schon ein kräftiger Stoß mit einem verkürzten Baumstamm bringt die Glocke zum Singen und ein vibrierender Ton verbreitet sich über das ganze Museumsgelände. Heutzutage werden die Glocken der Shinto-Schreine offiziell übrigens nur noch zu Neujahr 108-mal geschlagen – zur Bekämpfung der 108 Sünden, welche im Schintoismus bekannt sind. Ein Stückchen weiter an einem kleinen Fluss nahe Reisfeldern sehen wir eine andere erstaunliche Konstruktion. Eine Art hölzerne Wippe mit Klotz, welcher ab und an auf einen harten Stein am Boden schlägt. Dies sollte einst die Wildschweine von den Reisfeldern fernhalten, wie uns erklärt wird.

Der Besuch im Museum endet mit einer kurzen Schneeballschlacht und schon bald sind wir wieder auf dem Weg – diesmal zum Ryokan, einem traditionellen japanischen Hotel am Suwasee. Jedes Zimmer wird normalerweise von maximal vier Leuten bewohnt (die sich nicht unbedingt kennen müssen). Ein Zimmer besteht im Allgemeinen aus drei Bereichen: dem Eingangsbereich zum Straßenschuhe ausziehen, dem Vorbereich (betretbar mit Slippers) und dem eigentlichen Wohn- und Schlafbereich. Dieses Zimmer ist mit Tatami-Matten ausgelegt. Man sitzt, isst und schläft auf dem Fußboden. Natürlich sind keine Schuhe in dem Wohn-Schlaf-Raum erlaubt, da Schuhe die Reisstrohmatten zerstören würden. Übrigens gibt es eigene Slippers für Klo. Und wehe man ist im Hotel mal mit den Klo-Schlappen unterwegs – das ist so ungefähr das Peinlichste, was einem passieren kann.

Gekleidet ist man in Yukatas, die vom Hotel bereitgestellt werden. Die Yukatas können überall getragen werden – zum Essen im Restaurant, auf dem Zimmer, beim Schlafen oder bei einem kleinen Spaziergang im Ort. Im Grunde sind es bessere Bademäntel aus schön bedrucktem Baumwollstoff mit Gummigürtel.

Das Highlight des Hotels für die Japaner ist das Onsen –ein heißes Bad mit Wassertemperaturen zwischen 42°C und 45°C, gespeist aus unterirdischen heißen Quellen. Die japanische Bäderkultur unterscheidet sich etwas von der deutschen. In Japan wird nicht gebadet, um sich zu waschen, sondern nur um zu entspannen. Gewaschen wird sich vorher an extra Waschstellen. Dort stehen neben einem Hocker und Wasserschlauch auch kleine Holztröge, Waschlappen, Seife und Shampoo bereit für die Reinigung. Nach dem Sauber machen ist Schwitzen im heißen Wasser angesagt – meist nicht länger als 5 – 10 Minuten. Danach gibt’s eine kalte Ladung Wasser und es geht wieder ins Wasser. Im Grunde eine Art Feucht-Sauna, denn unsere klassische Holzsauna findet man in Japan nicht vor.

Nach zwei Badegängen habe ich genug geschwitzt und so mache ich mich fürs Abendessen fertig. Abendessen und Frühstück sind in jedem Ryokan standardmäßig im Preis inbegriffen, wobei es für jeden Gast das gleiche Essen gibt. Das Abendessen – Kaiseki - kann aus neun bis elf Gängen bestehen und sowohl im Restaurant, als auch privat auf dem Zimmer eingenommen werden. Gegessen wird an flachen Einzeltischen, wobei man im Schneidersitz oder kniend auf weichen Kissen vor dem Tisch auf dem Boden sitzt.

Das Essen selbst kostete mich und viele andere der Gruppe zum Teile arge Überwindung. Schon der zweite Gang erzeugt bei mir einen leichten Würgreiz, der nur durch eine nachgeschobene Portion Reis und Miso-Suppe unterdrückt werden konnte. Algen, Glibber-Nudeln, Fischeier und undefinierbare Fischbrühe – igitt. Lecker war hingegen der Aperitif (Quittenschnaps), das Sashimi aus Tintenfisch und Regenbogenforelle, Shabu-Shabu aus Schweinefleisch, Pilzen, Salat und Zwiebeln, sowie ein Bratapfel mit Pilzfüllung und überbackenem Käse. In Grenzen hielt sich meine Begeisterung für das sauer eingelegte Gemüse und eine total tot-gekochte Rübe mit undefinierbarer Füllung, sowie dem Dessert aus parfümiertem Glibber. In Schulnoten ausgedrückt würde das Essen heut von mir nur eine 3+ erhalten, also nicht gerade berauschend. Die Sättigung setzte übrigens schon nach Gang fünf ein.

Um uns eine Verschnaufpause beim Essen zu verschaffen, gab es eine kleine Showeinlage der Köche. Diese bereiteten vor unseren Augen Fisch für Sashimi vor und schnitzten aus Kürbis, Möhre, Rettich und Gurke eine wunderschöne Dekor-Blume. Eine tolle Leistung, aber unglaublich viel Arbeit für nur eine Verzierung!

Nach dem Abendessen rollten wir uns zurück auf die Zimmer, wo unsere Futons bereits zum Schlafen ausgebreitet lagen. Zwei dicke Decken als Matratzen und eine kuschelige dicke Decke zum Zudecken – leider lange nicht so schön wie mein Matratzenbett Zuhause. Nach der Hälfte der Nacht drückten sich die Tatami-Matten langsam durch, so dass der Eindruck entstand man würde auf Holzbrettern ruhen. Außerdem konnte sich meine Zimmernachbarin nicht das Schnarchen verkneifen und erst nach mehrmaligem Treten und Anstoßen gab sie Ruhe.

Fotos gibt es hier zu sehen.

Gute Nacht Reisegemeinde,
eure Sarah

Samstag, 22. März 2008

Japan - Reisetag 6

Der Morgen startet heute mit einem europäisch angehauchten Frühstück im Hotel von Toba. Zumindest sollte es continental breakfast sein, sieht aber eher nach fettig englischem Frühstück aus. Dafür entschädigt uns die tolle Aussicht vom Frühstückssaal auf das sonnendurchflutete japanische Meer und die Perlenzuchtkolonien.

Wir reisen ab heute für die nächsten Tage per Rucksack durchs Land und unsere erste Zugfahrt bringt uns in das alte Handwerksstädtchen Takayama. Der Zug ab Nagoya hat ein besonderes eingebautes Feature – drehbare Doppelsitze. So können sich die Gäste an die jeweilige Fahrtrichtung anpassen, um immer vorwärts zu fahren.

Bei drei Stunden Zugfahrt heißt es irgendwann picknicken. Nach dem Überfall auf einen Bahnhofskiosk in Nagoya (die arme Verkäuferin war ganz verängstigt, als ihr kleiner Kiosk plötzlich total mit Ausländern überschwemmt war) konnten wir diverse O-Bento-Boxen (gefüllte Lunch-Boxen mit Sushi, Gemüse, usw.) und Onigiris samt Getränken erstehen.

Mampfend fahren wir durch die japanische Berglandschaft, die sich uns so wunderschön links und rechts der Bahngleise erstreckt. Steile, felsige Bergwände überwachsen mit Moosen, Sträuchern und unzähligen alten Bäumen, sowie Bambushainen – ihnen zu Fuß schlängelt sich mit glasklarem grünen Wasser der Izu-Fluss durch die japanischen Alpen. Ab und an sehen wir Wasserschleusen und Dämme gegen das Frühlingshochwasser, denn Wasser gibt es dann übermäßig viel. Hingegen sind die Sommermonate meist sehr trocken und niederschlagsarm.

So schön diese Landschaft auch ist, so ungeeignet ist sie doch zum Wandern. Wandern hat in Japan keine Tradition und noch heute gibt es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Wanderwegen. Neu angelegte Wanderwege schlängeln sich als ewige geteerte Pfade durch die Landschaft. Nicht gerade eine Art Wanderweg, die einem das Herz höher schlagen lässt.

Unsere Ankunft in Takayama endet mit einem kurzen Fußmarsch zum Hotel. Uns wird ordentlich warm, da wir uns alle nach dem kalten sonnigen Wetter in Toba etwas mehr angezogen hatten. Hier in Takayama schlägt uns plötzlich warmer Wind entgegen und die Sonne lässt uns schwitzen. Bloß schnell zum Hotel und raus aus den Klamotten.

Uns bleibt nicht lange Zeit zum Verweilen, da unsere Reiseleitung schon wieder auf Stadtbesichtigung gehen möchte. So schlendern wir entlang niedriger Einfamilienhäuser durch gemütliche kleine Gassen und winden uns immer weiter hinein in die Stadt. An einem alten zweistöckigen Fachwerkhaus aus dunklem verwittertem Holz halten wir an, um eine Besichtigung vorzunehmen. Das Haus stammt von einer Bankiersfamilie, die sich trotz damals schon horrender Bodenpreise ein 1000 m² Haus mitten in die Stadt setzen konnten. Das heute nur noch als Museum genutzte Haus beinhaltet einen Gemeinschaftsraum mit Feuerstelle für den Tee (Wärmequelle), einem Esszimmer, einem Puppenzimmer (nicht zum spielen, nur anschauen), mehreren Schlaf- und Ankleidezimmern, sowie der Küche und dem Dachboden zum Lagern. Die Zimmer werden durch Papier-Holz-Schiebetüren voneinander abgegrenzt. Das besondere Feature dieses Hauses ist ein in das Gebälk eingebauter kleiner buddhistischer Schrein, sowie ein kleiner tragbarere Schrein für den Gott der Kaufleute. Und damit dem Glück nicht genug, vor dem Haus sitzt natürlich wieder der Geld bringende Dachs und eine Winkekatze.

Außerdem erfahren wir, dass sich früher japanische Frauen ihre Zähne schwarz bemalt haben, damit man die Zahnlücken nicht erkennen konnte (starker Calciummangel in der Ernährung, so dass bei jeder Geburt ein paar mehr Zähne ausgefallen sind).

Nach diesem Besuch entdecken wir im Haus gegenüber einen Tatami-Hersteller, der gerade an ein paar neuen Matten arbeitet. Er presst das Reisstroh erst in mehreren Einzelschichten, um sie dann auf die Kante genau mit Stoff zusammen zu fassen. So entstehen die dicken Matten für die Haus- und Tempelböden.

Unser Spaziergang führt uns weiter in die Altstadt, wo wir immer mehr alte dunkle Holzhäuser mit niedrigem Bau sehen. Die Häuser stehen heutzutage unter Denkmalschutz und werden in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Innen geht das Leben ganz normal weiter mit Restaurants, Teehäusern, Geschäften, Sakebrauereien und Wohnungen.

Mir fallen die vielen kleinen Vorhänge vor den Eingängen der Geschäfte auf. Hängen sie draußen, ist das Geschäft geöffnet. Meist prangt noch das Familienzeichen auf den Stoffvorhängen, die alle in unterschiedlichsten Farben im Wind flattern. Über der Sakebrauerei, die wir als nächstes besichtigen, hängt eine riesige braune Kugel aus Reisstroh – das Symbol der Sakebrauereien (jede hat eine über dem Eingang hängen). Das Zeichen kommt nicht von ungefähr, wird doch Sake aus Reis gebrannt. Viel zu sehen gibt es nicht in der Brauerei, dafür wird uns der Entstehungsprozess von Sake erläutert (im Grunde wie Bier brauen) und wir dürfen alle mal kosten. Der Sake schmeckt viel besser als das Zeug, welches man in Deutschland in den Asia-Läden zu kaufen bekommt.

Wir beschließen unseren Stadtbummel in der Gruppe und machen uns den Rest des Nachmittags allein auf die Socken. Die friedliche Stimmung der Stadt hat einen beruhigenden Effekt auf mich und so schlendere ich durch Seitenstraßen, schaue Leuten bei ihren Alltagsgeschäften zu und finde mich schließlich beim örtlichen Shinto-Schrein wieder. Die Priesterinnen tragen hier rote weite Plusterhosen und weiße Jacken (wie im Judo). Der Schrein selbst ist am Berg gelegen und überall auf dem Gelände stehen unzählige Bäume, die den Schrein wunderschön einrahmen. Ich versuche ein Glücksamulett für die Liebe zu erstehen, doch die anderen Anhänger gefallen mir besser (besonders der fürs Altwerden und Sicherheit im Straßenverkehr).

Auf dem Rückweg zum Hotel mache ich es mir noch am Fluss gemütlich, beobachte ein paar Enten und schaue zu, wie ein Japaner sein Auto einparkt. Jetzt haltet ihr mich sicherlich für verrückt, was daran so besonders sein soll. Nun, die Garage war Teil des unteren Hauses und gerade breit genug für eines dieser schmalen Nissan-Mobile. Alle Fahrgäste müssen vorher aussteigen, nur der Fahrer kann sitzen bleiben und fällt dann in der Garage direkt durch eine Tür in der Wand ins Haus. Eine derartige Garagenkonstruktion ist in Japan nicht selten, da Platz für extra Garagen zuviel Geld kosten würde und auf der Straße parken oftmals verboten ist. Also gar nicht so leicht, da einen schönen Parkplatz zu finden.

Zurück im Hotel kämpfe ich mal wieder mit dem Internet, was hier angeblich 100Yen pro 10 Minuten kosten soll. Leider endet mein Kontingent nach bereits 5 Minuten, was für eine Abzocke! Aber Freude, meine Mutter und mein Freund haben mir geschrieben und schon mal frohe Ostern gewünscht (morgen ist Ostersonntag).

Zum Abendessen geht es heute ins Sukiyaki-Restaurant. Sukiyaki ist der japanische Hot-Pot (Eintopf), den man sich direkt selbst am Tisch zubereitet. Dazu wird eine Kochstelle im Tisch, einen großen Topf mit Brühe (Wasser, Zucker, Sojasoße, Fischsoße), viel frisches Gemüse, Nudeln, dünn geschnittenes Fleisch und Fisch benötigt. Das alles kippt man nach und nach in die heiße Brühe, um es gar werden zu lassen. Danach wird es dann mit Stäbchen wieder rausgefischt und sofort gegessen. Dazu gibt es Reis, Miso-Suppe, sauer-eingelegtes Gemüse, Eis und Sake. Super lecker und sättigend (Sättigung hält bestimmt bis morgen an). Entschädigt vollkommen dafür, dass sich unsere Reiseleiterin auf dem Weg zum Restaurant mal wieder verlaufen hatte. Kugelrund schleichen wir später zum Hotel zurück und lassen uns nach einem Absacker in der Lobby in unsere Betten fallen.

Hier noch schnell der Link zu den Fotos des heutigen Tages.

Viele Grüße und gute Nacht,
eure Sarah :)

Freitag, 21. März 2008

Japan - Reisetag 5

Was für ein Morgen! Endlich mal nicht um 7 Uhr aufstehen, sondern gemütlich bis 8 Uhr schlafen. Bald schon holt uns der Bus am Hotel ab und fährt fort von Kyoto aufs Land. Unser Weg führt uns vorbei an Reisfeldern, Bauernhäusern und kleinen Dörfern. Die dörflichen Häuser sind zumeist Holzhäuser niedriger Bauart, wobei die Reisfelder der Familie zumeist direkt an das Haus angrenzen. Ab und zu sehen wir ein paar Einwohner dieser ländlichen Idylle. Je weiter wir jedoch fahren, desto seltener werden die Siedlungen. Schon bald sind wir in bergigem Gelände, zu felsig und steil für Ackerbau oder Besiedlung. Dies ist der bevölkerungsärmste Teil Japans und Grund für die riesigen Ballungszentren an der Küste, denn Japan besteht zu 73% aus schwer besiedelbarem Gebirgsland. Dafür hat sich die sonst so stark verdrängt Natur hier ihren Raum erhalten und zeigt sich von der schönsten Seite. Gebirgsschluchten mit wilden grünen Flüssen wechseln sich ab mit weiten grünen Mischwäldern.

Unser Weg führt uns heute zum Miho-Museum in der Präfektur Shiga. Erbaut von dem berühmten chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der auch schon die Pyramide beim Louvre oder den Pei-Anbau des deutschen Museums in Berlin geschaffen hat. Das Museum geht zurück auf Mihoko Koyama (nach der es benannt wurde), der Erbin des Toyobo-Textil-Unternehmens, einer der reichsten Frauen Japans. 1970 gründete sie die spirituelle Bewegung Shinji Shumeikai, die inzwischen angeblich 300.000 Mitglieder weltweit hat. 1991 gab sie den Auftrag, das Museum in der Nähe von Misono, dem spirituellen Zentrum von Shumei, in den Bergen von Shiga, zu bauen.

Pei begründete die Wahl des Bauortes mit einer alten japanischen Legende. Ein Fischer soll sich einst auf einem Fluss verfahren haben. Ein Pfirsichhain am Rande des Ufers ließ ihn aufmerksam werden und als er dem Lauf des Flusses neugierig weiter folgte, kam er plötzlich in ein unberührtes Tal. Dort lebten Menschen, glücklich und im Einklang mit sich und der Natur. Für den Fischer war es das Paradies auf Erden.

Das Museum sollte dieses Paradies im Nichts darstellen. Ein langer Tunnel beschreibt den endlosen Weg des Fischers auf dem Fluss. Beim Verlassen des Tunnels kann man den Haupteingang des Gebäudes bereits erkennen, wie er sich in den Berg schmiegt. Der Eingang ist umwachsen mit Bäumen und Sträuchern und Blumen und scheint in den Berg hinein zu führen. Ein kurzer Marsch über die Brücke zwischen Tunnel und Gebäude symbolisiert den Übergang in eine andere verzauberte Welt, in der man sich als Betrachter nur zu gerne verliert. Beim Eintreten ins Gebäude fällt der Blick sofort auf die Glasfassade gegenüber, hinter der sich die Berglandschaft Shigas erhebt. Eingerahmt wird diese durch einen vorm Fenster gepflanzten Baum – eine traumhafte Aussicht! Das Museum selbst ist eine Holz-Glas-Stahl-Konstruktion, die Ausstellungsstücke sehr erlesen doch nicht allzu zahlreich. Auffällig für mich, es wird hier nie über den Preis des Baus gesprochen. Wir bekommen ein nettes Video über den Bau und Sektengründer zu sehen, können das Gebäude und die Landschaft bestaunen, doch diese Information gibt niemand preis. Zum Bau des Museums wurde übrigens der obere Teil des Berges zuerst komplett abgetragen, dann das Museum errichtet und schließlich der Berg um das Museum herum wieder in seiner alten Form hergestellt. So befinden sich heute 90% des Gebäudes unter der Erde.

Nach einer relaxten Mittagspause in der Sonne vor dem Museum machen wir uns auf den Rückweg zum Bus. Dieser bringt uns zum japanischen Hauptheiligtum des Schintoismus – dem Ise-Schrein. Alle 20 Jahre werden die Gebäude dieses Schreins komplett erneuert und das alte heilige Holz an alle Schinto-Schreine Japans verteilt. Diese restaurieren davon ihre Gebäude oder verkaufen die Holzsplitter in Form von Glücksamuletten, um den Schrein zu finanzieren. Der Ise-Schrein selbst liegt herrlich verborgen in einem großen Nationalpark mit mächtigen Zypressen- und Zedernbäumen. Große hölzerne Toris weisen uns den Weg zum Hauptheiligtum der Sonnengöttin. Wir kommen an der alten rituellen Waschstelle am Fluss vorbei, wo sich heute in der Sonne vor allem Kinder und Jugendliche tummeln. Händchen haltende Pärchen kuscheln sich verlegen aneinander und genießen das Spiel der Sonnenstrahlen auf dem Wasser. An einem der kleineren Nebenheiligtümer treffen wir zufällig auf einen japanischen Germanistik-Studenten, der sich erfreut über unser Interesse am Schrein zeigt. Ein Einheimischer, wie sich herausstellt, der seit drei Jahren Deutsch lernt. Viel merkt man davon zwar nicht, aber nett ist er trotzdem. Doch bald schon müssen wir uns von ihm verabschieden und es geht weiter Richtung Sonnen-Tempel. Am Laden für Glücksbringer sehen wir eine Familie aus Vater, Mutter, Neugeborenem und Oma auf dem Weg zur Taufe. Dem zwei Monate alten Kind wurde ein süßes Mäntelchen umgelegt und verwirrt blinzelt es nun in die Sonne, als die stolzen Eltern sich für uns in Positur werfen. Später folgen wir dem Grüppchen zum Hauptheiligtum, wo ein Priester das Kind und seine Familie mehrfach segnet. Das Hauptheiligtum ist übrigens von fünf Holzmauern umgeben, wobei nur Hohepriester und Kaiser in die beiden innersten Ringe dürfen. Touristen wie wir kommen bis zum vierten Ring. Schade, schade, so sieht man gar nichts…. Gleich nebenan ist bereits der Platz für das zukünftige Heiligtum abgesteckt worden. Hier wird in 15 Jahren das neue Gebäude errichtet werden, doch vorerst versuchen wir noch von einer anderen Ecke des Geländes einen Blick in den Bereich der aktuellen innersten Ringe zu erhaschen. Vielmehr als die goldenen Dachspitzen sind aber nicht zu erkennen. Gegen 17 Uhr wird es Zeit, das Tempel-Gelände zu verlassen und den Priestern ihre tägliche Ruhe zu gönnen. Wir verabschieden uns von den Wäldern und Schreinen, tauschen uns noch in einem kurzen Dialog mit den heiligen Hähnchen der Priester aus und schon geht es zum Hotel nach Toba.

Dort erwartet uns ein europäisches Dinner nach japanischen Vorstellungen – kein Kommentar. Nur soviel: mit europäischer Küche hatte das nichts zu tun, war aber trotzdem lecker.

Für alle Neugierigen hier noch die Fotos von heut.

Viele Grüße aus dem fernen Japan,
eure Sarah

Donnerstag, 20. März 2008

Japan - Reisetag 4

Heute geht es mit dem Schnellzug – Shinkansen – von Kyoto nach Himeji zur Burg des weißen Reihers. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h ist der Shinkansen schneller als der deutsche ICE (250 km/h) und immer pünktlich. Die erste Strecke wurde übrigens 1967 eingeweiht. Heute zieht sich ein 3000km langes Streckennetz durch Japan, dass alle wichtige Großstädte verbindet. Allein auf der Strecke zwischen Tokyo und Hiroshima fahren am Tag 200 Züge, alle fünf Minuten rauscht also ein Shinkansen in den Bahnhof. Auf den Zentimeter genau hält er im Bahnhof, damit die Fahrgäste an markierten Stellen aus- und einsteigen können. Der Komfort lässt sich ungefähr mit einem erste Klassesitz im IC vergleichen, was jetzt nicht so berauschend ist aber immerhin. Der Shinkansen ist immerhin das am häufigsten genutzte Transportmittel für die Japaner, um von einer großen Stadt zur nächsten zu kommen. Preislich fährt man mit dem Zug besser, da auf japanischen Autobahnen hohe Mautgebühren verlangt werden. So sind auf den Autobahnen wochentags meistens LKWs zu sehen, während am Wochenende die städtischen Ausflügler die Straßen bevölkern. Was mir sofort negativ auffällt ist der Abstand der Bahnstrecke zu den Wohnhäusern. Zum Teil rast der Zug nur wenige Meter an Hochhäusern vorbei, wobei man wissen sollte, dass der Shinkansen einen Höllenlärm macht und durch seine Geschwindigkeit eine starke Druckwelle erzeugt. Der Lärmpegel ist ungefähr vergleichbar mit einer 100fachen Kolonne Panzer, die in voller Fahrt über eine wackelige Brücke rauschen oder einem ohrenbetäubenden Gewitter, wenn es sich gerade über einem auslässt. Nicht gerade angenehm, wenn das am Tag alle fünf Minuten geschieht. Ruhe herrscht da nur zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens.
Bei unserer Ankunft in Himeji können wir schon vom Bahnhof aus in der Ferne die weiß erstrahlende Burg auf dem Hügel erkennen. Ein kurzer Marsch durch die Stadt bringt uns direkt an die Burgmauern dieser alten Verteidungsfestung vergangener Feudalherren. Hierhin zog sich die Bevölkerung samt Feudalherr und Samurai zurück, um Widerstand zu leisten. In ihrer Geschichte wurde die Festung trotz mehrerer Angriffe niemals wirklich eingenommen. Heute ist sie Unesco-Weltkulturerbe und wird täglich von einem endlosen Touristen-Strom heimgesucht.
Das Gebäude an sich ist wie alle japanischen Häuser aus Holz erbaut worden, wobei hier als Besonderheit die hölzerne Fassade weiß verputzt wurde. Das Fundament besteht aus teils unbehauenen Feldsteinen, andernteils aus speziell gemeißelten Steinen, welche insbesondere die Mauerkanten formen. Die Steine wurden wiederum von Untertanen aus dem ganzen Land herangeschafft und den Feudalherren zum Geschenk gemacht. Insgesamt haben 13 Familien in die Festung investiert und hier gewohnt. Ihre Wappen sind noch immer über das Gelände verteilt in Form von Dachziegel oder Mauermeißelungen zu sehen, um die Wohnstellen der Familien zu markieren.
Unser Weg führt uns bergauf durch die Befestigungsringe und den Wehrgang der Anlage zum Hauptwachturm. Ein Teil unserer Gruppe hat es ganz schön schwer, den Anstieg zu bewältigen – ständige höre ich ein Hecheln und Stöhnen bei jeder neuen Treppe. Dazu kommen das anhaltend nass kalte Wetter und die noch nicht erblühten Kirschknospen, nicht wirklich schön für diese Wanderung. Zu sehen gibt es nicht allzu viel – eher viel Leere. Einige Räume werden als Dienstmädchen-Zimmer oder Schlafzimmer der Samurai ausgewiesen. Im Mauerwerk sind noch deutlich erkennbar Schießscharten und Löcher zum Steine werfen auszumachen. Endlich am Hauptwachturm angekommen, steht uns die eigentliche Besteigung erst noch bevor. Sieben Stockwerke hoch steigen wir über arg steile Treppen hinauf in die Luft, umgeben von zahlreichen Japanern, die ebenfalls die Aussicht von oben genießen wollen. Mit jedem Stockwerk werden die Treppen steiler und die Stufen immer höher. Einst sollte das Angreifer abhalten, den Turm allzu schnell zu erstürmen. Gute Technik, wenn man das Gewicht der damaligen Samurai-Rüstungen bedenkt, die schon gut und gerne mal 20-30 kg wiegen konnten. Oben angekommen begrüßt uns ein kleiner Shinto-Schrein mit geopfertem Sake. Ob es wohl auffallen würde, wenn da ein Schlückchen fehlte? :)
Die Aussicht über die Stadt ist eine angenehme Belohnung nach diesem mühsamen Aufstieg. Bei einem Blick aus dem Fenster entdeckte ich an einem Dachgiebel eine Fisch-Figur, die sich mit dem Mund an das Dach klammert. Mir wird erklärt, dass Fische auf den Dächern als Repräsentanten für Wasser stünden und somit als Schutzgötter Glück vor Feuer bringen sollen. Na wenn das mal hilft. Habe noch nie einen Tonfisch Feuerwehr spielen sehen…
Da sich die Besichtigung der Burg dem Ende zuneigt, machen sich einige der Gruppe auf zu einer nahe gelegenen Parkanlage mit neun verschiedenen Themen-Gärten. In einem der Gärten entdeckte ich an einem kleinen Teich mit Koi-Karpfen einen Reiher, der erst gierig ins Wasser schielt und dann mich misstrauisch beäugt. Eine Weile schauen wir uns tief in die Augen, dann fängt mein Magen an zu knurren und ich mache mich auf mir ein Mittagsplätzchen zu suchen.
Gleich um die Ecke steht, überwachsen von einer alten Glyzinie, eine Sitzecke aus Holzbänken. Dort lasse ich mich nieder und genieße in aller Ruhe mein Mittagessen. Ein plötzliches Rauschen in der Luft macht mich aufmerksam. Mein Blick fällt auf den angrenzenden Zaun, auf dem nun der Reiher hockt und mir interessiert beim Mittagessen zuschaut. Der will doch nicht etwa was von meiner Banane oder dem Onigiri abhaben?! Die Fische waren ihm wohl doch eine Nummer zu groß. Inzwischen ist auch der Rest unserer Gruppe angekommen und es beginnt ein wildes Geknipse, wobei der Reiher erstaunlicherweise vollkommen unbekümmert weiter in meine Richtung starrt. Doch alles schauen nützt ihm nichts. Schon bald bin ich fertig und enttäuscht erhebt sich der Reiher wieder in die Lüfte, um nach Nahrung Ausschau zu halten.
Mein Weg führt mich zurück zum Bahnhof mit einem Abstecher in ein nahes Einkaufszentrum. Unglaublicherweise wimmelt es dort nur so von Menschen allen Alters – und das am frühen Nachmittag. Immer wieder laufen mir junge Mädchen mit Kniestrümpfen und Miniröcken oder ihrer Schuluniform (auch mit Rock) über den Weg. Das denen bei windigen 11 Grad Celsius nicht kalt ist… Die Auslagen der Läden erscheinen mir überladen und wenig ansprechend, die Lautstärke der Menschen tut den Rest und so verkrümle ich mich bald wieder aus der Shopping-Meile und warte am Bahnhof auf den Rest der Gruppe. Mein Abstecher zur Toilette brachte mir übrigens endgültig die Erkenntnis, dass Japaner Waschbecken in öffentlichen Toiletten nur anstandshalber anbringen. Leider gibt es nämlich nichts zum Hände abtrocknen, so dass die Wenigsten die Waschbecken nutzen.
Zurück nach Kyoto bringt uns einer der lokalen Regionalzüge. Mir erscheint er fast schon wie eine unserer vielen S-Bahnen, das gemütliche Schaukeln mit Halt in jedem kleinen Dorf. Bevor wir jedoch wieder in Kyoto eintrudeln machen wir noch einen Ausflug zur Akashi-Brücke. Diese Autobahn-Hängebrücke aus Stahl ist vier Kilometer lang und verbindet seit 1998 die Städte Kobe und Awaji auf der Insel Awajima. Mit einer Mittelspannweite von 1990,8 m ist sie die Brücke mit der größten Stützweite der Welt. Unter der Brücke wurde für Interessierte ein Gang angebaut, von dem man aufs Wasser oder unter Brücke entlang schauen kann. An einer Stelle ist ein 3 Meter langes Glasfenster in den Boden gelassen worden, so dass man direkt unter seinen Füßen dem Meer zuschauen kann. Ich beobachte eine japanische Familie mit drei Töchtern, die allesamt angsterfüllt vor dem Glasboden stehen und sich nicht drüber trauen. Wie bei einem Balanceakt hangeln sie sich an den Seiten mit viel Angstschreien am Geländer entlang. Der Vater ist nicht weniger ängstlich – was für ein Vorbild! Ich stehe derweil die ganze Zeit auf dem Glasboden und betrachte das Treiben, mache eifrig Fotos von den Mädels und amüsiere mich köstlich. Der Rest ist eher unspannend, wenn man wie ich bereits die Golden Gate Bridge, Tower Bridge, usw. gesehen hat. Außerdem ist das Wetter hier extrem unfreundlich. Ein starker, kalter Wind bläst uns um die Nasen und ein leichter Nieselregen lässt uns nach und nach erzittern.
Bloß schnell wieder in den Zug und zurück zum Hotel. Per Bummelzug fahren wir Richtung Kyoto, bis uns plötzlich unsere Reiseleiterin aus dem Zug treibt. Keiner versteht den Aufruhr, sollte doch der Zug direkt zum Hautbahnhof von Kyoto fahren. Am Bahnsteig wird klar, unsere Reiseleiterin möchte Zeit sparen und deshalb einen schnelleren Zug nehmen. Na wenn das mal was bringt. In der Kälte warten wir auf den nächsten Zug, der auch noch vier Minuten Verspätung hat. Der Zug selbst ist gerammelt voll und einige von uns müssen den Rest des Weges stehen. Auf den letzten 100 Metern vorm Bahnhof holen wir unseren alten Zug ein und kommen genau eine Minute eher an. Das hat sich doch gelohnt!
Aber vergessen wir das mal. Da mir noch genügend Zeit bleibt bis zum Abend bummle ich ein bischen in der Bahnhofsgegend umher. Auf der Suche nach einem Geldautomaten entdeckte ich einen 7-Eleven mit leckeren Nachschub-Onigiris. Wer im Übrigen Geldautomaten in Japan suchte, sollte immer 7-Eleven oder die Post aufsuchen, beide verfügen in der Regel über mindestens einen ATM.
Unter dem Kyoto-Tower befindet sich das lokale Warenhaus mit drei Etagen für allerlei Alltagskram, Souvenirs und Lebensmitteln. Die Ordnung oder eher Unordnung erinnert mich irgendwie an ein altes DDR Warenhaus aus meiner Kindheit. Das so genannte Handelshaus gibt es jedoch schon lange nicht mehr. Stattdessen steht dort seit nunmehr achtzehn Jahren eines der bedeutendsten modernen Einkaufszentren Ost-Berlins. Komisches Gefühl…. Ich beschließe den Tag mit einem leckeren Onigiri und verabschiede mich schon mal von dieser Stadt. Morgen geht es weiter aufs Land.

Hier noch der Link zur Foto-Gallerie des heutigen Tages.

Grüße an die Reisefreunde,
eure Sarah

Mittwoch, 19. März 2008

Japan - Reisetag 3

Nun bin ich schon drei Tage in Japan und langsam aber sicher bekomme ich ein Stück Sicherheit, was dieses ungewöhnliche Land und seine Menschen angeht. Wie schon die letzten beiden Tage mache ich mich vor dem Frühstück noch schnell auf in die PC-Ecke des Hotels. Heute sollen die ersten Fotos nach Hause geschickt werden…. Denkste. Nach einer dreiviertel Stunde gebe ich mich geschlagen, das dauert ja ewig! Dann halt nicht.

Etwas enttäuscht begebe ich mich zum Frühstücksraum, wo mir mal wieder zwei nette Herren an den Platz helfen. Ach ja, Dienstleistungsgesellschaft Japan. Das müsste man sich mal in Deutschland vorstellen. Eine Person, die nur dafür zuständig ist Frühstücksvoucher entgegen zu nehmen und an den Tischzuweiser weiter zu geben. Oder an jeder Baustelle mindestens zwei Personen, die allein für die Autobetreuung zuständig sind. Haben dabei meist noch lustige Schilder umhängen. Außerdem tragen alle Dienstleister Handschuhe. Nach Aussage unserer Reiseführung wurde das von den Engländern übernommen. Angeblich soll es dem Leistungsempfänger ein Gefühl der Sauberkeit und Ordnung vermitteln. Also sieht man in Japan Taxi- und Busfahrer, Polizisten, Hotelpersonal, Kellner und so weiter mit weißen Handschuhen rumlaufen.

Wie dem auch sei, nach einer morgendlichen Stärkung mit Miso-Suppe, Salat, Muffins, Reis und frisch gepressten Obstsäften geht es heute als erstes zur Meditation beim Zazen-Lehrer. Vielleicht hilft uns ja die Meditation das plötzliche schlechte Wetter mit Dauerregen und 11 Grad Celsius zu vergessen. Am Zen-Tempel angekommen lacht uns erstmal eine riesige Beton-Kannon-Statue entgegen. Der Meditationsraum liegt in einer Art Bungalow, welches innen mit Tatami-Matten (Reisstroh) ausgelegt ist. Schon beim Schuhe ausziehen sticht mir der durchdringende Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Der Raum an sich ist spartanisch eingerichtet. Hinter dem Lehrer hängt ein kurioses Rollbild mit Tuschezeichnung an der Wand. Je länger ich es anschaue, desto ähnlicher wird es dem Mann, der da vor uns sitzt. Ansonsten wird jedem von uns ein Stapel dicker Sitzkissen zugewiesen und dann heißt es Platz zu nehmen – im Schneidersitz (am besten Lotus-Sitz).

Meditation beginnt mit einer korrekten Körperhaltung, so wird es uns erklärt. Also Lotussitz, gerader Rücken und verschränkte Finger. Der nächste Schritt ist die Fixierung der Augen auf einen Punkt vor einem. Bei der Zen-Meditation geht es nämlich nicht darum, möglichst schnell einzuschlafen. Augen offen halten und Kopf leer machen von allen Gedanken ist die Devise, womit wir schon bei Schritt drei der Meditation angelangt sind. Im letzten Schritt wird die Atmung kontrolliert und extrem verlangsamt, um zur Ruhe zu kommen. Jeder Schritt wird durch das Erklingen eines Glöckchens markiert. Nachdem man nun perfekt sitzt und atmet herrscht absolute Stille und Konzentration. 10 Minuten darf keiner was sagen oder tun. Nach einer Weile wird mir ganz schwindelig und die Linien auf den Tatami-Matten beginnen sich zu winden. Mir scheinen die Räucherstäbchen wohl nicht so gut zu bekommen. Erleichtert atmen wir alle auf, als die Zeit rum ist. Nur das Wecken war etwas unsanft. Zwei dicke Holzklötze werden vom Lehrer zusammengeschlagen, was in diesem Moment der Stille wie der Urknall klingt. Im Übrigen meditieren normale Japaner 40 Minuten und länger. Kein Wunder also, wenn da mal einer wegdöst. Dafür hat der Lehrer aber eine ganz lange Holzlatte, die dann halt auf die Schulter niedersaust und den Meditierenden ganz schnell wieder in einen wachen Zustand versetzt. Das wollte von uns dann aber doch keiner austesten.

So ausgeglichen und erholt geht die Fahrt weiter zum Roanji, ein Zen buddhistischer Tempel, der besonders für seinen schönen Steingarten bekannt geworden ist. Leider regnet es sich gerade richtig schön ein, so dass erstmal mein Rucksack in ein Regencape gewickelt wird. Die Mönche, die hier leben und gelebt haben führen ein einfaches Leben als Bettelmönche. Einige von ihnen sind wohl an Universitäten als Professoren tätig – der einzige Beruf, der von einem Mönch nebenher ausgeübt werden darf. Die Räume zeigen keinerlei Einrichtung außer den bekannten Tatami-Matten. Schiebetüren aus Papier sind kunstvoll mit Tuschezeichnungen verziert, sehen aber auch schon etwas mitgenommen aus von der Feuchtigkeit. Feste Möbel gibt es keine – dafür wird zum Essen oder Schlafen die nötigste Einrichtung hin- und danach wieder weggeräumt. Der Anblick des Steingartens ist tatsächlich hier der Höhepunkt. Wie die Hühner auf der Stange hocken eine ganze Reihe japanischer Schüler auf den Stufen des Tempels, um den Garten zu betrachten. Ich setze mich dazu und versuche in den Steinen eine Landschaft zu erkennen, aber mehr als Meer und Inseln kann ich nicht zusammen fantasieren.

Der hintere Garten des Tempels ist wieder bunt gemischt bepflanzt und ein kleiner runder Brunnen bildet den Betrachtungsmittelpunkt in diesem Grün. Vier Zeichen sind um ein Quadrat angeordnet und zahllose Yen-Stücke liegen auf dem Grund des Brunnens. Uns wird erklärt, dass die Zeichen den Betrachter ermahnen, dass Geld allein im Leben nicht glücklich macht und Entsagung das Ziel sein sollte (wörtliche Übersetzung: „Ich strebe nur nach Genügsamkeit.“). Nun ja, immerhin wird das Leben deutlich ruhiger, wenn man nicht am Hungertuch nagt, soweit sind wir uns in der Gruppe schon mal einig.

Nach ausführlicher Betrachtung der restlichen Gartenanlage mit ihren Bonsai- und blühenden Kirschbäumen kehren wir zum Mittag in das einzige Restaurant vor Ort ein. Da ich mir zum Mittag selbst etwas mitgebracht habe, verkrümele ich mich mit ein paar anderen der Reisegruppe auf die überdachte Veranda des Restaurants und genieße meine mitgebrachten Onigiris mit Lachs. Wird mit der Zeit ganz schön kalt, denn der Regen ist unerbittlich.

Doch auch die Mittagspause geht vorbei und schon sind wir wieder auf dem Weg zum nächsten Höhepunkt – der Kinkakuji. Dieser so genannte Tempel war einst das Vergnügungshaus der Shogun-Familie. In malerischer Lage mitten an einem See gelegen, umgeben nur von Bäumen, wurde hier im engen Kreis gefeiert. Die oberen der drei Etagen wurden von außen komplett vergoldet, während die untere Etage ihren ursprünglichen Holzbau behielt. Der Grund für diese Gestaltung liegt in der damaligen Bedeutung des Goldes, welches ausschließlich als Statussymbol für die Shogun- und Kaiserfamilie verwendet wurde. So wurden in der unteren Etage alle Arten von Gästen empfangen, während die oberen beiden Etagen der Shogun-Familie vorbehalten blieben. Sie wurden insbesondere zur Betrachtung des Mondes genutzt.

In der Nähe des Tempels finden wir einen weiteren Bonsai Baum, der vom Gartenmeister zu einer Art Schiff geformt wurde. Stabilisierend wirkt dabei ein großes Bambusgerüst, das den Bug des so genannten Schiffes in Form bringt. In gewisser Weise tut mir der malträtierte Baum schon Leid.

Nachdem wir uns an den Mengen von durchsichtigen japanischen Regenschirmen vorbei geschoben haben, geht es weiter zum Nijo-Schloss. Einst als Shogunatssitz der Tokugawa Familie in Kyoto erbaut, wurde es in 200 Jahren Regierungszeit der Tokugawas nur ganze 3 Tage genutzt. Nach der Abdankung des letzten Shoguns und der Einleitung der Moderne im späten 19. Jahrhundert, nutzte man die Räumlichkeiten als Beamtenräume. Leider nicht ohne Schäden am Schloss, da die Beamten auch bei Regen die Schiebetüren offen ließen und so zum Teil schöne Tuschezeichnungen an den Wänden zerstört wurden. Platz gab aber genug und so wurden auch lange nicht alle Zeichnungen zerstört. In dem Schloss finden sich unter anderem Zimmer für wartende Gäste (unterteilt in Freund und Feind, nur erkennbar anhand der Wandzeichnungen), Empfangszimmer mit versteckten Wachschutzräumen, Minister-Wohnräume, Waffen- und Kleiderkammern, natürlich der Wohnraum des Shoguns sowie das Zimmer seiner Nebenfrauen. Für die Ehefrau war kein Zimmer vorgesehen, da sie stets im Schloss in Tokyo (damals noch Edo) verbleiben sollte. Von der Einrichtung her gibt es aber nicht viel zu sehen, da in die Räume stets nur das Notwendigste gestellt wurde. Zum Schlafen gab es also Futon-Betten, beim Essen wurden Sitzkissen, Tischchen und Essen hingeräumt usw. Eine Heizung gibt es bis heute nicht, Kohlebecken waren die einzige Wärmequelle im Raum. Nicht sonderlich warm, wenn im Winter der Wind gegen die Papier-Schiebetüren prallte. Absolutes Highlight des Schlosses aber sind die singenden Dielen im Gang. Bei jedem Schritt geben sie einen singenden Ton von sich, so dass stets alle Angreifer gehört werden konnten. Das System ist denkbar einfach, Eisennägel reiben auf unter den Holzdielen befestigten Eisenplättchen.

Soviel Kultur verlangt eine Pause und so beschließen wir zu dritt, den Abend bei einem gemütlichen Shopping-Bummel durch die Haupteinkaufsstraße Kyotos zu beschließen. Im Traditionskaufhaus Takashima werde ich denn auch fündig und kaufe für meine Schwester eine schicke Bento-Box (Lunch-Box für Sushi, eingelegtes Gemüse, Reis und was man sonst noch so rein bekommt). Der Rückweg zum Hotel gestaltet sich da schon etwas abenteuerlicher. Nachdem wir die Metro-Station entdeckt haben, stellen wir bei einem Blick auf den Fahrplan fest, dass es in Kyoto anscheinend unterschiedliche Betreiber des Metro-Netzes gibt. Und leider müssen wir auch noch umsteigen. Der Ticket-Automat ist mit seinen japanischen Schriftzeichen und Texten nicht wirklich Touristen freundlich gestaltet und so wenden wir uns an die japanischen Mitmenschen. Diese flüchten beim ersten englischen Wort, so dass ich schließlich mein basic Japanisch rauskrame, um ein Schulmädchen anzusprechen. Die erklärt uns dann zusammen mit einem älteren Geschäftsmann mit Händen und Füßen, welche Tickets wir kaufen müssen. Leider gelten die nur bis zur Umsteigestation, dann gibt es nämlich einen neuen Netzbetreiber und der will extra Kasse. Doch auch hier finden wir wieder nette Japaner und Bahnangestellte, die uns schließlich doch noch zur richtigen Bahn lotsen. In der Bahn wird es plötzlich voll und so ganz allein zu dritt unter Japaner kommt man sich schon etwas seltsam vor. Vor allem, weil wir allen Anderen auf den Kopf schauen können.

Soviel zu den Japanern des heutigen Tages. Die Fotos gibt es natürlich auch, wenn ihr diesem Link folgt.

Ich grüße die Reisegemeinde,
eure Sarah :)

Dienstag, 18. März 2008

Japan - Reisetag 2

Heute Morgen habe ich als allererstes den Kontakt zur restlichen Welt wieder hergestellt. Im Hotel gibt es eine PC-Ecke, wo man für 100Yen 10 Minuten im Internet surfen kann. 100 Yen sind derzeit umgerechnet 0,65€, ist also durchaus tragbar im Gegensatz zu den örtlichen Telefongebühren, die bei einem fünf Minuten Gespräch nach Deutschland schon mal locker 6€ betragen können. Nach ersten ausführlichen Reiseberichten geht es zum Frühstück mit Miso-Suppe, Salat und frischem Saft. Im Hotel sind erstaunlich viele Japaner zu Gast, obwohl die Frühlingsferien noch gar nicht begonnen haben. Was die wohl in Kyoto vorhaben?

Unser erster Ausflug führt uns heute ins nahe gelegene Uji, entstanden und bekannt geworden für den besten grünen Tee Japans. Grüntee wird in mehrere Qualitätsstufen unterschieden. Erstklasssiger, besonders aromatischer Tee –Sencha- wird aus den ersten jungen Blättern im Frühling gewonnen, während drittklassiger Klasse Tee –Bucha- aus den letzten Blättern im Sommer hergestellt wird. Zur Herstellung von Teepulver (für Teezeremonie) und Grüntee-Eis wird ausschließlich der erstklassige Tee verwendet, drittklassiger Tee landet in Teebeuteln zum Aufkochen. Grüntee nimmt in Japan auch heutzutage noch eine herausragende Stellung unter den Getränken ein. Egal ob als Eistee im Automaten, als kostenloses Getränk in jedem Restaurant, Standard-Getränk zu allen Mahlzeiten oder als Mittelpunkt der feierlich zelebrierten Teezeremonie. Grüntee ist überall präsent. Einziger Konkurrent – Kaffee. Japan ist in 2008 nach den USA und Deutschland größter Kaffee-Konsument der Welt. Besonders die Ladenkette Starbucks profitiert derzeit von diesem neuen Hype in Japan, an dem Japaner jeden Alters teilhaben. Egal ob morgendlicher Coffee-to-go oder der Kaffee danach, Kaffee ist heißgeliebt und begehrt.

Bevor wir uns jedoch eingängig der japanischen Tee-Kultur in einer Teezeremonie nähern, suchen wir zuerst den chinesisch angehauchten Byodoin-Tempel mit seiner Phönix-Halle auf. Die Phönix-Halle, benannt nach ihren im Abflug begriffenen Phönix-Figuren auf dem Dach, beherbergt einen mächtigen, hölzernen Amidawa-Buddha. Dieser wurde einst mit 80kg Gold überzogen, wobei sich der heutige Zustand eher als restaurationsbedürftig beschreiben ließe. Die Anbetung durch die örtliche Bevölkerung erfolgte nur aus der Ferne. Zum Zwecke dessen wurde in Höhe des Buddha-Kopfes ein Fenster in die Außenwand gebaut, so dass man über den Zaun des Anwesens hinweg einen Blick auf den Kopf erhaschen kann. Der Zutritt zum Tempel war nur den Feudalherren und Hohepriestern gestattet, welchen das Tempelgelände gehörte.

Im Übrigen sind Japaner keine Freunde der Restauration. Sie schwören auf die Betrachtung der Vergänglichkeit von Dingen, so dass beispielsweise Heiligtümer erst wieder hergestellt werden, wenn die vollständige Zerstörung droht.

Mit einem letzten Blick auf den Buddha-Kopf machen wir uns zur Teezeremonie auf. Der niedrige Torbogen aus Holz mit dem dahinter liegenden Haus und Garten lassen uns abwarten. Der Ort der Teezeremonie sollte stets ein Ort der Ruhe, Besinnung und Zuflucht sein, fernab vom Alltag. So repräsentieren Trittsteine im Kies den Weg in die Abgeschiedenheit, wobei jeder Stein für einen zurückgelegten Kilometer steht. 1, 2, 3, 4, …ach wenn lange Wanderungen doch immer so mühelos zu bewältigen wären! Vor dem Betreten des Hauses werden zuerst Mund und Hände am Brunnen gewaschen. Danach zeigt uns die Zeremonienmeisterin das korrekte Betreten des Teeraums. Innen ist alles mit Reisstroh-Matten ausgelegt, die Gerätschaften der Teezubereitung liegen bereits an Ort und Stelle und ein Rollbild, sowie eine frische Blume zieren den Raum. Auf Socken tippeln wir über den Boden und lassen uns auf den zugewiesenen Plätzen nieder. Nacheinander werden nun Schale und Teebesen rituell gereinigt, Süßigkeiten an die Gäste gereicht, Wasser gekocht und mit dem Teepulver zu einem schaumigen Tee geschlagen. Da ich auf dem Ehrenplatz sitze, darf ich als erste Kosten. Also vor der Teeschale verbeugen und dann trinken. Igitt, ist das bitter! Das kann nicht mal die vorher verspeiste eklig süß-mehlig-klebrige Sojabohnenpaste kompensieren. Nun ja, zumindest ist die Zeremonie in ihrem strikt geregelten Ablauf und Bewegungen faszinierend. Im Übrigen ein Teil des Zen-Buddhismus, der in Einfachheit und Ordnung wahre Schönheit und Erkenntnis findet.

Um wieder Blut in die Beine zu bekommen, machen wir vor der Abfahrt nach Nara noch einen Spaziergang durch die Ladenstraße in der näheren Umgebung. In einem kleinen Laden erstehe ich einen Mundschutz mit roten Häschen und Grüntee-Kitkat (getestet wird Zuhause im Kreis der Familie, damit auch jeder was davon hat :) Als Begrüßung wurde uns übrigens zuerst mal grüner Tee gereicht, den ich dann doch dankend abgelehnt habe.

In Nara besuchen wir unseren ersten schintoistischen Schrein auf dieser Reise. Schintoismus ist die alte Naturreligion Japans, welche jedem Ding (Tiere, Naturerscheinungen, etc.) auf dieser Welt eine Seele zuschreibt. Diese Geister/Götter sind nicht immer wohl gesonnen. So müssen sie ab und an durch Opfergaben besänftigt oder positiv gestimmt werden, wobei es wohl besonders launische Gesellen wie den Windgott gibt. Das Oberhaupt der Geister/Götter ist die Sonnengöttin. Die Kaiserfamilie Japans begründet noch heute ihren Machtanspruch darauf, dass sie direkte Nachkommen der Sonnengöttin seien. So kann man als Kaiser nur geboren, nicht erwählt werden. Das Thema Wiedergeburt existiert beim Schintoismus ebenfalls. So können Vorfahren als Tiere wiedergeboren werden, was den Japanern früher verbot, vierbeinige Tiere zu essen (könnte ja die verstorbene Ur-Großmutter sein). Schintoismus wurde nach Einführung des Buddhismus eine Weile aus der Kultur der Japaner verdrängt, konnte sich aber seine alte Bedeutung zurück erobern. In der Gegenwart sind 90% der Japaner offiziell Buddhisten gleichzeitig aber auch bekennende Schintoisten. Schon in den ersten Monaten nach der Geburt werden durch schintoistische (Taufe), als auch buddhistische Rituale die Weichen für diese duale Religionsführung gelegt. In Japan jedoch keine Problem, immerhin herrscht hier schon seit langem Religionsfreiheit.

Der vor uns liegende schintoistische Kasuga-Schrein wurde einst von der Familie Fujiwara (Shogun-Familie) erbaut. Ziel war es, durch diese große Opfergabe den Machtanspruch gegenüber der Taira Familie zu stützen. [Fujiwara bedeutet übrigens übersetzt ins Deutsche Wisteria oder auch Glyzinie, weshalb im Tempelinnenhof eine Glyzinie wächst und die Priesterinnen auf ihrem Kopf Glyziniengestecke tragen.] Wie sich später zeigte, hat ihnen das wohl leider nicht viel genutzt. Dafür wurde der Tempel bekannt für seine dreitausend Steinlaternen, die das komplette Gelände des Schreins beherrschen. Sie säumen die Treppenstufen zum Heiligtum, füllen Räume zwischen hoch gewachsenen Bäumen und sind so ungefähr überall, wo man hinschauen kann. Inzwischen sind es wohl so viele, das aufgrund von Platzmangel keine neuen mehr aufgestellt werden dürfen. Allesamt wurden sie von Gläubigen gespendet, die sich dadurch natürlich Glück erhoffen. Glück erhofften sich wohl auch die Sakebrauereien, deren Sakefässer am Eingang des Tempels dekorativ aufstapelt stehen. Sake gilt im Schintoismus nämlich als heiliges Getränk.

Im Tempel gibt es derweil unterschiedliche Unterhaltungsmöglichkeiten. Der eifrige Geist lässt sich entweder per Holzstäbchen die Zukunft voraussagen, betreibt durch das Abrubbeln mit Papiermännchen eine Art Exorzismus von bösen Geistern (werden später von den Priesterinnen verbannt), schreibt Wünsche auf Holztäfelchen oder kommuniziert nach einer entsprechenden Spende gleich direkt seine Wünsche an die Götter. Wem das noch nicht genug ist, der kann mit dem zahmen Rotwild kuscheln, wobei nichts vor den lieben verfressenen Tierchen sicher ist. Mit eigenen Augen konnte ich den Überfall auf ein kleines Kind beobachten. Eines der Rehe schlich sich an, stupste das Kind auf der Suche nach Nahrung in den Rücken und schon machte es plumps. Was folgte, war der Fluchtversuch eines durchweg geschockten Dreijährigen.

Nach solchen und anderen unterhaltsamen Showeinlagen der anwesenden Touristen widmeten wir uns wieder der japanischen Kultur in Form des Todaji (buddhistischer Tempel). Das größte Holzhaus Japans, gestützt von mächtigen Zypressen- und Zedernstämmen, beherrbergt einen aus acht Bronzeteilen zusammengesetzten 20 Meter hohen Buddha, eine riesige Kannon-Statue, sowie die zwei hölzerne Wächterfiguren. Während der Buddha schlicht gehalten ist (Zeichen der Abkehr von Besitz) erstrahlt die mit zahlreichen Schmuckstücken behängte Kannon-Statue (Boddhisattwa) in Gold. Der Helfer der Menschheit auf dem Weg zur Erleuchtung ist halt doch noch sehr irdisch geprägt.

Viel spannender als die Figuren im Inneren des Tempels ist eine Figur vor dem Eingang. Aus Zypressenholz geschnitzt sitzt dort ein betender Mönch mit schickem rotem Regencape und alle Leute grabbeln an seinen Knien rum. Laut Reiseführerin stellt die Figur einen ehemaligen (Azubi-) Mönch dar, der leider bei der Meditation eingeschlafen war (am Abend davor gab’s wohl zuviel Sake). Als Strafe musste er bei Wind und Wetter mehrere Tage vor der Tür meditieren, ohne jedoch bleibende Schäden davon zu tragen. Heutzutage soll eine Berührung der Knie plus Spende wohl dauerhaft gegen Knieschmerzen helfen. Na das ist doch mal ein lohnendes Pilgerziel! Hoffentlich hilfst, habe vorsichtshalber auch mal dran gerieben.

Solch eine geballte Ladung religiöser Informationen muss erstmal verarbeitet werden, und so machen wir uns wieder auf den Weg ins Hotel zurück. Abends geht es noch einmal raus. Diesmal ist Geisha-Jagd angesagt. In Gion, dem ehemaligen Vergnügungsviertel Kyotos, machen wir uns auf die Suche, bestaunen die alten japanischen Holz-Wohnhäuser und teuren Restaurants von außen und hoffen auf einen kurzen Anblick einer Geisha. Leider erfolglos. Scheinen wohl alle schon auf Arbeit zu sein. (Ich erkläre an dieser Stelle nicht mehr, was eine Geisha ist. Nur soviel – so ist keine Prostituierte. Dafür gab es schon immer die richtigen Freudendamen!) Da ein privates Engagement unmöglich und vor allem unerschwinglich ist, geben wir unser Vorhaben auf und machen uns lieber auf die Suche nach Nahrung. Unser neues Ziel – Shabu-Shabu. Nur zur Info, das ist etwas Essbares. Um genau zu sein, japanisches Fondue mit viel frischem Gemüse, wenig Fleisch und Fischauswahl. Zu unserer Enttäuschung stellen wir fest, dass es bis zum nächsten erschwinglichen qualitativ guten Shabu-Shabu Restaurant noch mal 20 Minuten zu Fuß sind. Fertig vom Tag geben wir endgültig auf und verschieben unseren Shabu-Shabu Abend auf einen der nächsten Tage. Stattdessen probieren wir eine andere Spezialität, Tempura, frittiertes Gemüse und Fisch aller Art. In einem versteckten Restaurant um die Ecke machen wir es uns gemütlich. Für mich bleibt das große geschmackliche Erlebnis an diesem Tag jedoch aus. Von dem Frittierten bekomme ich sehr schnell ein flaues Gefühl im Magen und ohne Sojasoße ist das Essen weitgehend geschmacklos. Fazit: Muss nicht noch mal sein. Gesättigt kehren wir schließlich mit dem Taxi zum Hotel zurück, um uns für den nächsten Tag ausreichend auszuschlafen.

Die Bilder zum heutigen Tag findet ihr unter folgendem Link.

Viele Grüße vom anderen Ende der Welt,
eure Sarah

Montag, 17. März 2008

Japan - Reisetag 1

Ein müder Blick aus dem Fenster des Flughafengebäudes lässt zum wiederholten Male den Airbus vor meinen Augen erscheinen. Schon in wenigen Minuten soll mich dieser Flieger in das ferne Japan bringen. Die Reise erscheint mir immer noch unwirklich, nachdem ich nun mehr als zehn Jahre auf diesen Moment gewartet habe.

In aller Herrgottsfrühe war ich heute aufgestanden, die Koffer bereits fertig gepackt. Rückblickend erscheint mir alles nur szenenhaft – muss an meinem Wachheitsgrad gelegen haben. Mein Freund der mich zum Bahnhof bringt, Frühstück im Zug, lärmende Kinder auf dem Weg in den Urlaub und dann endlich nach drei Stunden die lang ersehnte pünktliche Ankunft am Frankfurter Flughafen. Der Irrweg zum Terminal nahm diesmal neue Ausmaße an, als ich die langen Schlangen an den Fahrtreppen sah. Wer sich diesen Flughafen ausgedacht hatte, hatte jedenfalls nicht mit solchen Massen gerechnet. Mit dem Koffer in der Hand stolperte ich die Treppen hinunter und wieder herauf, bis ich endlich im großen Abflugbereich stand. Und wieder endlos lange Schlagen vor den Abfertigungsschaltern der Fluggesellschaft. Ätzend. Nicht einmal das herumstehende Bodenpersonal konnte vernünftig Auskunft geben, wo sich hier angestellt werden musste, um die Bordkarte zu erhalten und den immer schwerer werdenden Koffer loszuwerden. Nach einigem herum irren stellte ich mich genervt in die Schlange der Business Class. Danach ging alles ganz schnell und nun sitze ich hier und warte. Meine Lieblingsbeschäftigung für die nächsten zwölf Stunden. Eine Ewigkeit.

Vier Kinofilme und drei Mahlzeiten später landen wir am Flughafen in Osaka oder vielmehr auf einer extra für den Flughafen künstlich aufgeschütteten Insel in der Bucht von Osaka. Die Passkontrolle zieht sich hin – auch in Japan werden jetzt Augenscans und Fingerabdrücke genommen. Die japanischen Beamten können sich kaum auf Englisch verständlich, so dass sich Erklärungen an die ausländischen Besucher zu langen entnervenden Prozeduren ausweiten. Die Ungeduld wächst, doch endlich bin ich hindurch und kann erleichtert meinen noch vorhandenen Koffer entgegennehmen. Danach gilt es die Reisegruppe zu suchen. Im Ausgangsbereich ist keine Reiseleitung mit Schild zu sehen. Sehr seltsam. Immerhin bin ich während der Passkontrolle zufällig schon auf ein paar Reisemitglieder gestoßen und so machen wir uns zuerst gemeinsam auf die Suche nach einem Geldautomaten. Nachdem das erledigt ist, hat sich auch endlich unsere Reiseleitung eingefunden und erfasst bereits eifrig die Namen der Anwesenden Gruppenmitglieder. Ich lerne den Rest der Gruppe kennen, eine bunt-gemischte Truppe aus alleinreisenden Frauen, jungen Pärchen, älteren und ziemlich alten Ehepaaren und einem alleinreisenden Herrn. Sieht viel versprechend aus, auch wenn ich mal wieder das Küken der Gruppe bin.

Als alle versammelt sind, geht es mit einem Reisebus weiter nach Kyoto, unser Ausgangspunkt von Erkundungen für die kommenden vier Tage. Während wir uns im Bus näher kennen lernen und Reiseerfahrungen austauschen, ziehen an uns die Häuser von Osaka vorbei. Alles in allem recht grau und eintönig, flache Häuser dicht an dicht. Industrielle Fabriken, Lagerhäuser und Plattenbauten wechseln sich am Rand der Stadtautobahn ab. Vereinzelt hängen über den Balkons der Wohnbauten Bettdecken, in der Sonne ausgebreitet zum Lüften.

In der Ferne ist ein großes grünes Netz um einen elliptischen Bereich gespannt. Ein Golfübungsplatz unter vielen, wie uns erklärt wird. Golfen ist in Japan ein angesagter Sport für Büroangestellte, die sich dort in der Mittagspause oder nach der Arbeit die Zeit vertreiben. Da Platz in Japan teuer ist, wären richtige Golfplätze in der Stadt unbezahlbar teuer. Stattdessen werden diese „Stadien“ errichtet, in denen der einfache Japaner seinen Abschlag üben kann. Meist in zwei- bis drei Stockwerken stehen sie übereinander und schlagen wie wild auf die geschundenen Bälle ein. Die hohen Netze sollen die Anwohner vor möglichen Blindgängern eines allzu eifrigen Spielers bewahren.

Ich schaue aus dem Fenster und teste meine übrig gebliebenen Japanisch-Kenntnisse an vorbeiziehenden Werbeschildern. Die meisten kann ich entziffern, nur die vielen verschiedenen Kanji (Schriftzeichen, in ihrer ursprünglichen Form von den Chinesen übernommen) bereiten mir noch immer Probleme.

Unsere Einfahrt in Kyoto geschieht vollkommen unbemerkt. Der Übergang zwischen Osaka, den vielen Vorstädten und Kyoto ist fließend. Ein einziges großes Stadtgebiet, eines der größten menschlichen Ballungszentren Japans an der Pazifikküste. Übertroffen nur von dem Ballungsgebiet Tokyo.

Wieder ziehen Wohnhäuser, Geschäfte und nun auch Schreine an uns vorbei, bis der Bus plötzlich vor einem riesigen futuristischen Gebäude einbiegt und zum Stehen kommt. Der Hauptbahnhof Kyotos. Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs, mehrstöckiges Shopping-Zentrum, Sammlungspunkt zahlreicher Restaurants und nicht zuletzt fünf Sterne Hotel. Hier werden wir die nächsten Tage übernachten.

Der Aufbau und die Lage des Bahnhofskomplexes erweisen sich sehr schnell als äußerst nützlich, als sich herausstellt, dass im Untergeschoss ein Food Court auf all die Hungrigen wartet. Nur kurz nehmen wir uns Zeit für das Check-In, Frischmachen und Umziehen. Dann geht es weiter auf Erkundungstour in die Untiefen des Bahnhofsgebäudes. Überall wuseln unzählige Menschen herum, wie in einem stählernen Bienenkorb. Wir flüchten uns in den Untergrund und finden die untersten Etagen der Shopping-Meile. Etwas demotiviert durch die Preise schlendern wir eher mit einem oberflächlichen Blick an den vielen Läden vorbei, bis wir plötzlich vorm Eingang des Food Courts stehen. Zwei junge Damen im Kostüm stehen am Eingang und begrüßen jeden Besucher persönlich mit einem freundlichen Lächeln und einer Verbeugung. Die Auslagen der Theken sehen verdammt lecker aus, aber irgendetwas stimmt damit nicht. Ein näherer Blick bestätigt mir meinen Verdacht. Plastikreplikate! Egal ob Sushi, Nudelsuppe oder Fleischgericht, alles wurde naturgetreu als Plastik nachgebildet. Die Originale kommen beim Bezahlen zum Vorschein, schön verpackt natürlich.

Wir schlendern durch die Gänge, bestaunen das zum Teil fremde Essen und entscheiden uns schließlich für ein kleines Nudelsuppen-Restaurant. Die Suppe wählen aus dem Schaufenster – sehr praktisch diese Nachbildungen. Während wir noch direkt über die Theke hinweg den Köchen beim Werkeln zuschauen, kommen schon die Suppen. Riesige Schüsseln, von denen drei durchschnittliche deutsche Erwachsene satt werden würden. Ich schlucke meine Verwunderung herunter und beginne den Kampf gegen die Nudelsuppe. Nach zehn Minuten sieht der Teller nicht wesentlich leerer aus, dafür bin ich randvoll gefüllt mit leckerem Gemüse, Fleischbrühe und Nudeln. Enttäuscht muss ich kapitulieren und den noch immer vollen Teller an die Serviererin zurückgeben. Neben mir sitz eine Japanerin, die sich die gleiche Suppe bestellt hat und gerade ihren letzten Schluck herunter schlingt. Wie macht sie das nur ohne zu platzen?

Das Geheimnis der Japaner liegt in ihrer Ernährung. Da japanische Nahrungsmittel grundsätzlich deutlich ärmer an Kohlenhydraten, Ballaststoffen und Zucker sind muss für eine Menge an Energie vergleichbar einer Portion deutscher Kartoffelsuppe mit Fleisch eine deutlich größere Menge an Nahrung konsumiert werden. So lernen die Japaner bereits im Kindesalter ihren Magen auf das Essen von großen Mengen zu trainieren, um ihren täglichen Energiebedarf zu decken. Leider hat diese Gewohnheit in den letzten Jahren in Japan zu einem negativen Trend geführt – der zunehmenden Verfettung der japanischen Jugend. Schon lange werden nicht mehr nur Reis, Suppe, Gemüse und Fisch genossen. Ausländische Nahrungsmittel, millionenfach importiert und verbreitet durch Ladenketten wie McDonalds oder Starbucks, mischen sich unter die alltägliche Ernährung. Man kann sich vorstellen, wie Japaner aussehen, wenn sie in der gleichen Menge energiereiche Hamburger konsumieren wie Nudelsuppen oder andere traditionelle japanische Gerichte.

Wir jedenfalls bummeln satt und zufrieden zurück in die Hotelhalle, wo bereits die Reiseleitung auf uns wartet. Der erste richtige Ausflug steht an. Unsere Ziele sind der Sanjusangen-dó, als auch der Kiyomizu-dera, beides buddhistische Tempel im Westen Kyotos.

Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir mit dem Bus zum Sanjusangen-dó. Der Name des Tempels bedeutet übersetzt 33 Klafter Halle, was auf den Baustil des Tempels hinweist. Dieser wird durch die Bauweise des Gebälks in 33 Bereiche eingeteilt, in denen die Kannon-Statuen in mehreren Reihen aufgestellt sind. Die Zahl 33 wurde dem Lotos Sutra entlehnt und steht ursprünglich für die 33 Erscheinungsformen des Avalokiteshvara im Lotos Sutra. Platt ausgedrückt, es ist eine Glückszahl die in der japanischen Geschichte dieser Religion eine bedeutende Rolle bei der Errichtung von Tempeln, Pilgerrouten, usw. eingenommen hat.

Gebaut zu Ehren der tausendarmigen Kannon, beherbergt die aus Holz errichtete Halle des Hauptgebäudes eine große Kannon-Statue begleitet von 1.001 unterschiedlich gestaltete, lebensgroße Kannon-Statuen. 28 Wächterfiguren beschützen die Statuen, wobei die Wächter dem indischen Buddhismus entlehnt sind und ursprünglich dort den Status von Gottheiten innehatten.

Kannon ist die im gesamten Mahayana Buddhismus bekannteste Bodhisattva (japanisch bosatsu) Figur. Bodhisattvas sind Mittlerfiguren, die ganz besonders daran interessiert sind, den Menschen und allen anderen fühlenden Wesen zur Erleuchtung zu verhelfen. Dafür verweigern sie sich selbst solange der Erleuchtung, bis alle Lebewesen die Erleuchtung erlangt haben. Kannon werden übermenschliche Fähigkeiten zugesprochen und die Gabe, mit allen Lebewesen kommunizieren zu können. Dargestellt wird diese Gabe durch viele kleinere Köpfe auf dem Hauptkopf, welche unterschiedliche Stimmungen und Ausdrücke zeigen. In der Mitte thront immer Buddha, als Vorbild für all diejenigen die Erleuchtung suchen.

Bewundernd schreiten wir an den Figuren vorbei, lauschen den Geschichten und schauen in die teils doch sehr schaurigen Gesichter der Wächter. Die Dunkelheit der Halle hält uns jedoch nicht lange gefangen. Im Ausgangsbereich erstehe ich noch einen Orakelspruch auf weißem japanischem Papier für 100Yen, der mir für die nahe Zukunft vor allem Glück in der Liebe und auf Arbeit vorhersagt. Na das ist doch mal schön zu hören. Neben dem Tempel findet sich eine Art Zaun, an den zahlreiche Orakelzettelchen geknüpft wurden. Diese Orakelsprüche haben etwas Negatives prophezeit. Um das Eintreten der schlechten Vorhersage zu verhindern, werden die Zettel hier den Göttern präsentiert, denen es überlassen bleibt das schlechte Schicksal doch noch zum Guten zu wenden. Positive Prophezeiungen werden mit nach Hause genommen und gehütet :)

Der Rest der Tempelanlage ist wie ein Garten angelegt. Die umgrenzende Mauer umfasst einen Wandelgang, ein Wäldchen aus Bonsai- und Bambusbäumen, ein Stückchen weiter steht ein mit Blumengestecken geschmücktes Grabmal, die große Tempelglocke mit eigener Überdachung, sowie ein Nebenschrein für die Fuchsgöttin Inari. Besonders gefällt mir die Reinigungsstelle neben dem Haupteingang des Tempels. Hier sollen sich alle Gläubigen ihre Hände säubern, bevor sie mit ihren Anliegen vor die Götter treten. Das Wasserbecken mit den Kellen zum Wasser schöpfen wird bewacht von einer Reihe Lätzchen tragender Jizo-Figuren. Jizos sind üblicherweise Wächter über ungeborene oder verstorbene Seelen. Was die wohl hier machen?

Doch es bleibt leider keine Zeit das herauszufinden. Schon geht es weiter zum nächsten Tempel, dem Kiyomizu-dera. Der Tempel liegt auf dem Westberg Kyotos, auf dem sich die meisten der über zweitausend städtischen Tempel und Schreine befinden. Umgeben wird der Tempelbezirk vom letzten Rest Altstadt, welche noch heute den traditionellen Charme Kyotos erhält. Der Kiyomizu-dera spiegelt in besonderer Weise die Religionsfreiheit Japans wieder, da der Tempel alle Gläubigen zur Ausübung ihrer Religion und Traditionen zur Verfügung steht.

Schwimmend in einer Menschenmasse vor allem japanischer Nationalität ziehen wir durch eine Einkaufsgasse in Richtung Tempel den Berg hinauf. Auf einem großen Platz vor der Tempelanlage kommen wir zum Stehen und bewundern die Architektur und landschaftliche Schönheit der Umgebung. Aus der Ferne dringen seltsame Geräusche an unsere Ohren und neugierig schieben wir uns an einer Gruppe japanischer Schüler vorbei weiter die Treppen zum Tempeleingang hinauf. Unter einem großen roten Tor bleiben wir stehen und beobachten das Schauspiel, welches sich uns darbietet. Auf einer benachbarten Treppe gegenüber schreitet eine Gruppe taoistischer Hornbläser vom Hauptschrein hinab, alle paar Schritte verweilend um in ihre Hörne zu stoßen und einen seltsamen Laut zu erzeugen, ähnlich einem Büffel in der Brunftzeit. Gefolgt werden die Hornbläser von einer Reihe Waffenträger mit Lanzen, die sich am Fuß der Treppe postieren und auf etwas zu warten scheinen. Wir werden derweil von unserer Reiseleitung weiter die Treppen hinauf gedrängt und so sehen wir, worauf alle so eifrig beim Schauspiel warten, einen Drachen. Mehrere Männer stützen diesen chinesischen Drachen von unten und lassen ihn lebendig werden – mitten am Tag.

Um das Hauptheiligtum ist es derweil leerer, so dass wir uns in Ruhe umschauen können. Eine Frauengruppe in Kimonos genießt den Schatten einer kleinen Pagode im Vorhof. Wir schlendern vorbei, bewundern die Kimonos und schießen ein paar Fotos, um die Situation festzuhalten. Im Eingang des Heiligtums finden wir Stelzen-Schuhe, Stab und Gehstock eines Mönches komplett aus Stahl. Allein die Schuhe wiegen über 20 kg. Das Geschenk einer Gläubigen an den damals stärksten Mönch des Tempels, der ihr aus einer Not geholfen hatte. Heute nur noch Ausstellungsstück und Objekt von Stärketests der Besucher.

Ein Stückchen weiter finden wir ein weiteres Reinigungsbecken. Beim Hände waschen fällt mein Blick auf eine Wand mit lauter hölzernen Täfelchen. Die Täfelchen sind allesamt beschrieben, einige auch mit Tierzeichnungen versehen. Eine ganze Wand voller Glückstafeln, auf denen Gläubige ihre Wünsche wie eine Art Wunschbrief den Göttern äußern können. Wird der Wunsch erfüllt, werden die Täfelchen bei nächster Gelegenheit durch die Priester verbrannt.

Umgerechnet aber eine recht teure Variante des Wünschens, wenn man den Preis von 10€ pro Täfelchen bedenkt. Da sind die Glücksanhänger ein Stück weiter des Weges für umgerechnet 0,65€ schon deutlich preiswerter zu haben. Noch einfacher geht die direkte Äußerung der Wünsche vor den Göttern, indem man Geld in eine hölzerne Truhe vor dem Heiligtum wirft, in die Hände klatscht und sein Gebet spricht. Oder man spendet Geld und trinkt etwas vom geheiligten Wasser, welches unterhalb des Hauptheiligtums aus dem Berg sprudelt. In Scharen stehen junge Schüler an der Quelle, die ihnen ewige Gesundheit verspricht und schlürfen gierig das Bergwasser. Gleich nebenan sitzen, geschützt vor den Strahlen der Sonne, die Alten im Teehaus und nippen versonnen an ihren Tees und Kaffees. Der Blick den Berg hinauf zeigt mir, welch riesige Konstruktion aus Holzpfählen notwendig ist, um den Tempel am Berg zu halten und einem stabilen Baugrund zu liefern. Mehr als 10 Stockwerke hoch ragt das Holzkonstrukt in die Höhe und schmiegt sich perfekt an den Berghang.

Nach diesen recht beeindruckenden religiösen Stätten widmen wir uns nun dem alltäglichen Leben in der Stadt. Gemütlich laufen wir durch die Gassen der Altstadt, schleckern Grün-Tee-Eis, bewundern Hofgärten von Teehäusern und Restaurants und schauen den Menschen bei ihrem ganz normalen Leben zu. In einem Moment biegt eine Rikscha mit zwei Maikos um die Ecke – Geishas in der Ausbildung – die gerade auf Einkaufstour durch die Stadt sind. Ihre weißen Gesichter leuchten unter dem Sonnenschutz geisterhaft hervor, ein krasser Gegensatz zu ihren bunten Kimonos. Auf einem kleinen Platz sehen wir drei Gebilde aus Blumen, knorrigen Wurzeln, Eisenstangen und Beton – eine moderne Variante des Ikebana (Blumensteckkunst) in überdimensional großer Form.

Erschrocken springe ich zur Seite, als plötzlich aus den Büschen eine vermummte Frau auftaucht. In der Hand einen Zeichenblock schreitet sie um einen Baum herum und malt eifrig, einen Hut tief in die Augen gezogen zum Schutz vor der Sonne, Mund und Nase verdeckt durch eine weiße Maske wie aus dem Krankenhaus. Allergie- und Erkältungszeit ist angesagt. Da sind Japaner etwas eigen in ihrem Verhalten. Zum Schutz ihrer Mitmenschen vor den Bazillen oder sich selbst vor den Pollen werden ohne große Scheu Masken getragen, die wir in unseren Breitengraden nur im Krankenhaus zu Gesicht bekommen. Die Maskenträger werden uns noch die ganze Reise begleiten.

Vorerst machen wir uns erstmal wieder auf zum Hotel, denn ein Umtrunk zum besseren Kennen lernen der Gruppenmitglieder wurde organisiert. Nahe dem Hotel gehen wir in eine schicke Bar mit Aussicht auf den Kyoto Tower. Natürlich gibt es Sake und japanisches Bier, damit wir uns gleich an die neue Kultur gewöhnen können. Leider nur etwas riskant, da wir seit mittags nichts Richtiges mehr in den Magen bekommen haben. So genügen mir denn schon ein paar Schälchen Sake, um mich in einen recht fröhlichen Schwebezustand zu versetzen. Jetzt wird es aber Zeit fürs Abendbrot! Und damit verabschiede ich mich für den heutigen Tag.

Die Fotos findet ihr hier.

Viele Grüße aus Japan,
eure Sarah :)