Donnerstag, 27. März 2008

Japan - Reisetag 11

Heute ist ein besonderer Tag – mein einziger freier Tag dieser Reise. Ein Tag, an dem ich tun und lassen kann, was ich möchte. Genießerisch schwinge ich gegen 4:00 Uhr morgens die Beine aus dem Bett, schleiche ins Bad und kippe mir einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht. Trotz dieser unchristlichen Zeit bin ich erstaunlich wach und eine innere Spannung treibt mich an.
Mein Ziel ist heut als erstes der große Fischmarkt im Hafen Tokyos, an dem tägliche tausende Tonnen frischer Fisch gehandelt und dann in die ganze Welt verschickt werden. Das Mekka für Sashimi-Liebhaber und Leute, die schon immer mal exotische Tiere lebendig und aus der Nähe sehen wollten. Doch nur die frühen Geister werden belohnt. Zwischen 5:00 Uhr und 5:45 Uhr in der Frühe laufen die berühmten Auktionen um riesige Thunfische, Kraken und was es sonst noch so zu kaufen gibt. Doch die Auktionen bleiben mir verwehrt, da die Öffentlichen erst ab 5:00 Uhr wieder ihren Betrieb aufnehmen und ich vom Hotel aus mindestens eine dreiviertel Stunde bis zu meinem Ziel brauche.
In aller Ruhe spaziere ich deshalb durch die menschenleeren Straßen Shinjukus, begleitet nur von den stummen Blicken der gläsernen Hochhäuser. Im Zugangstunnel zum Bahnhof sehe ich plötzlich Gestalten, die sich in die Ecken vor den Schaufensterläden kuscheln. Zugedeckt mit Pappen und Plastiksäcken liegen sie dort eng aneinander gereiht, die Ausgestoßenen und Verlassenen dieser Gesellschaft. Zwei Männer gehen an ihnen vorbei, wecken sie, Aufstehenszeit für die Obdachlosen Tokyos. Bald werden die ersten Berufstätigen zum Bahnhof eilen und die Geschäfte wieder ihren Betrieb aufnehmen. Bis dahin müssen sie verschwunden sein – schließlich soll hier alles aufgeräumt und sauber wirken. Die Obdachlosen führen mir vor Augen, dass auch in Japan die Arbeitslosigkeit immer weiter um sich greift, lange nicht so stark wie in Deutschland. Doch die japanische Kultur verträgt keine Arbeitlosen – eine Welt, in der die Arbeit noch immer Dreh- und Angelpunkt allen Seins ist. Da sind 1,5 Millionen Arbeitslose, eine seit Jahren stagnierende Wirtschaft und die damit einhergehende geringe Anzahl neuer unbefristeter Vollzeitjobs für den Nachwuchs schon Schreckensmeldungen, die ein ganzes Volk aufrütteln und zweifeln lassen. Der Angestellte mit lebenslanger Anstellung ist schon seit langem gestorben. Die Jungen bekommen keine Ausbildungsstellen mehr, geschweige denn Anstellungen. Genommen werden nur die Besten von den Eliteuniversitäten. Alle anderen halten sich mit mittelmäßigen oder vielen kleinen Jobs über Wasser. Jobs ohne Sozial- oder Rentenbeiträge. Jobs, bei denen nicht mal genug Geld zum Sparen übrig bleibt.
Mit diesen Gedanken suche ich mir meinen Weg durch den Bahnhof. Hier irgendwo musste doch das Gleis sein. Eine Gruppe Jugendlicher schaut mich neugierig gackernd an und ein Mädchen mit Pippi Langstrumpf-Zöpfen weist mir nonchalant den Weg. Wieder geht ein Johlen durch die Gruppe. Schade, dass mein Japanisch für die spitzen Kommentare der anderen nicht ausreicht. Vielleicht ist es auch ganz gut so.
Gerade werden die Gleise für die Öffentlichkeit geöffnet und so hocke ich mich auf die Treppenstufen und warte auf die Metro. Nach einer Ewigkeit stelle ich fest, dass ich das falsche Gleis erwischt habe. An diesem riesigen Bahnhof von Shinjuku gibt es für die gleiche Metro zwei Bahnsteige, an jeweils einem Ende des Bahnhofs. Ich hab mir natürlich das falsche ausgesucht. Die Metro kommt trotzdem und so muss ich halt einen kleinen Umweg fahren, der mich leider wieder zehn Minuten der kostbaren Zeit kostet. Gegen 6 Uhr bin ich endlich da und gemeinsam mit einem amerikanischen Pärchen (das extra zum Baseball Spiel der Red Socks nach Tokyo gekommen ist) suchen wir den Eingang zu den Fischmarkthallen. Vorbei an weitläufigen Hallen mit Gemüse, Obst, Teigwaren, Käse, Wurst und was man sonst noch so essen kann, schlängeln wir uns über das unüberschaubare Handelsgelände. Ständig braust ein Laster oder kleine Flitzer an uns vorbei, voll beladen mit gerade erstandener Ware. Eng ist es hier. Höllisch aufpassen muss man, um nicht überfahren zu werden. Zummm, und wieder rauschen gleich fünf Flitzer an uns vorbei. Das war sehr knapp, fast hätte mich einer mitgenommen. Unvorstellbar, hier mit einer Gruppe durchzulaufen ohne das Alltagsgeschehen der Markthallen zu behindern.
Endlich finden wir den Eingang zur Fischhalle mit dem lebendigen Fischzeug und schon bald trennen sich unsere Wege. Ich mache mich daran den Inhalt der vielen blauen, mit Wasser gefüllten Kisten zu erforschen. Immer darauf bedacht, die Händler und Fischer nicht bei ihrer Arbeit zu behindern. In einem Bottich entdecke ich in kleinen Netzen Tintenfische und kleine Kraken, die mir entgegen kriechen. In einem anderen schubsen sich Kugelfische gegenseitig durchs Bassin, einen scheint es schon erwischt zu haben. Den dicken Bauch voll aufgebläht schwimmt er leblos im Wasser. In einer anderen Ecke der Halle sind noch Spuren einer Schlachtung zu erkennen. Auf dem Boden haben sich große, lang gezogene Blutlachen gebildet. Der ganze Boden schwimmt und mir ist, als wate ich die ganze Zeit durch einen Fluss. Ständig wird gespült, damit es trotz all dem Fisch und Blut sauber bleibt. Die Fischer schmunzeln, als sie mich durch die Halle stiefeln sehen und freuen sich, wenn ich mich für ihren Fang interessiere. Immer wieder patschen die grünen und gelben Öl-Stiefel durch das Wasser, um potentiellen Käufern die Meerestiere zu präsentieren und Auskunft zu geben.
Mein Weg führt mich weiter durch die Halle zu den Transportern und nach einigem Suchen sehe ich sie, die gefrorenen Thunfische. Aufgebahrt auf Holzkarren erwarten sie ihre endgültige Hinrichtung an der Säge. Zwei Männer schleppen die schweren Körper einzeln, hieven sie auf den Sägetisch. Zuerst werden Kopf und Schwanz abgesägt, dann der Rumpf geviertelt. Die Viertel kommen zurück auf die Holzkarren und werden von den Käufern in die nächste Halle geschoben. Dort tauen die Teile, Gräten werden entfernt, alles in kleinere Stücke geschnitten und in Styropor-Kisten gepackt. Die unzähligen Restaurantbesitzer stehen bereits eifrig wartend an den Ständen und prüfen den dargebotenen Fisch. Ab und an sieht man einen Restaurantbesitzer mit einem Fischer um den Preis feilschen. Eine Seltenheit in Japan.
Nach einer Stunde schlängle ich mich wieder aus den Markthallen, lassen den Trubel hinter mir und genieße die Stille der noch vergleichsweise leeren, verschlafenen Metro zurück zum Hotel. In meinem Zimmer falle ich erstmal ins Bett und hole bis neun Uhr ein bisschen Schlaf nach. Beim anschließenden Frühstück sehe ich noch die letzten meiner Reisegruppe, wie sie gerade zu ihrem fakultativen Ausflug nach Nikko aufbrechen. Ach wie schön ist die Freiheit, denke ich mir und hole noch einen Nachschlag Obst und Miso-Suppe.
Als nächstes geht es nach Mitaka zum Ghibli-Museum. Erbaut vom bekanntesten Anime-Regisseur Japans, Hayao Miyazaki. In nur zwanzig Minuten bin ich mit der Metro von Shinjuku aus in dem kleinen Randbezirk Tokyos, eigentlich ein reines Wohnviertel mit viel Grün und kleinen Einfamilienhäusern. Entlang eines kleinen Flüsschens, das Ufer voller blühender Kirschbäume, wandere ich durch die Straßen auf der Suche nach dem Museum. Irgendwie ist es hier viel idyllischer und ruhiger als in der hektischen, hoch gebauten Innenstadt. Leider wohl auch unbezahlbar teuer, wie uns unsere Reiseleitung mitgeteilt hatte, denn sie selbst wollte in Mitaka eine Wohnung kaufen (hat sich dann aber doch im Norden Tokyos ansiedeln müssen). Ausländer sehe ich keine – hätte mich auch gewundert.
Nach mehreren Wendungen und Straßen komme ich endlich an und schon an der Kasse begrüßt mich ein großer Totoro (Filmfigur aus „My neighbour Totoro“). Das Studio Ghibli, nachdem das Museum benannt wurde, ist berühmt für die zeitlos schönen, fantasiereichen und liebevoll gezeichneten Familienfilme ähnlich den Disney-Filmen in Amerika (obwohl die Inhalte meist philosophischer und die Probleme von tief schürfenderer Natur sind, als in jedem Disney-Film). In den letzten Jahren wurde Miyazaki mit seinen Filmen auch im Ausland gefeiert. Sein Film, Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakuchi) gewann sogar den Oscar für den besten ausländischen Film. Das Museum war das letzte Werk, das Miyazaki eigenhändig noch vor seiner Rente geschaffen hat. Eine Traumwelt für Jung und Alt, in der spielerisch die Welt der Zeichentrickfilme erkundet werden kann. Angefangen über anschauliche Darstellungen der Tricktechnik, um Figuren lebendig werden zu lassen, bis hin zu einem Zeichenstudio, dessen Wände über und über mit seinen zahllosen Skizzen behängt sind. Eine Video-Ecke, in der Bewegungen von Mensch, Tier und Pflanzen studiert werden können, einen Raum voller Fotoalben so dick wie Bibeln mit abertausenden Fotos von den schönsten Naturorten dieser Welt. In einem kleinen Kino werden exklusive Animes gezeigt und auf dem Dach findet sich ein Garten mit einer weiteren Figur aus seinen Filmen, dem gefühlvollen Kampfroboter aus Laputa, dem auch ich gern einmal nahe sein möchte.
So schön das Museum auch ist, so grausam sind zum Teil seine Besucher. Am meisten verwundert mich die endlose Masse an Müttern mit ihren kleinen Sprösslingen. Die Kinder verzogen, die Mütter bevormundend und skrupellos. Meine Einschätzung steht fest. Japanische Mütter sind Monster. Ständig müssen sie ihre Kinder in den Vordergrund des Geschehens drängen, immer muss ihr Kind das beste sein. Egal, ob ihr kleiner Spross nun nur für ein Foto posieren soll oder sich einen Anhänger fürs Handy aussuchen darf. Es wird gekratzt, geschubst und gerangelt – vornehmlich mit den anderen Müttern – als ob es um Leben und Tod ginge. Kein Wunder, dass japanische Kinder Selbstmordbegehen, wenn ihre Eltern sie in späteren Jahren in der Schule und Universität genauso bedrängen wundert mich gar nichts mehr.
Und noch etwas ist mir aufgefallen. Hier in diesem Museum, in dem ich mir geschworen habe meine letzten japanischen Yen auszugeben, nur um ein Andenken mit nach Hause nehmen zu können. Ich sage euch, ich habe keinen Yen mehr, als für die Eintrittskarte ausgegeben. Alles nur Ramschartikel. Eine Schande war das. Die besten Dinge, die es zu kaufen gab, waren die Originalfilme und ein paar Originalfilmzeichnungen (für je schlappe 400€). Der Rest der Meute kämpfte – und wenn ich sage kämpfte, dann meine ich das auch so – um die hässlichsten Handyanhänger aller Zeiten. Das einzig schöne an den Anhängern waren meist die Gesichter der Filmfiguren, der Rest war einfach nur billig. Eine herbe Enttäuschung.
Zu allem Überfluss konnte ich den Ausgang nicht finden bzw. wollte ich nicht durch das angegliederte Restaurant marschieren. Also suchte ich mir einen Weg durch den Garten vor dem Haus. Ein Steinweg führte wieder direkt hinauf zum etwas höher gelegenen Eingang des Museums, auf der Hälfte versperrt durch einen kleinen Strick mit Fähnchen. Ich machte mir nichts daraus und huschte schnell den Weg hinauf. Keine zwei Meter vor der Straße versperrte mir plötzlich die Dame vom Eingangskomitee den Weg nach draußen. In ihrem wilden Japanisch konnte ich noch soviel verstehen, dass sie anscheinend vollkommen schockiert sei, wie ich denn den Eingang als Ausgang nutzen könne. Dazu gäbe es doch schließlich einen Ausgang, den doch jeder zu nutzen hätte. Der von mit genutzte Weg sei gar nicht offiziell zum Betreten frei gegeben. Ich schaute sie etwas verständnislos an, entschuldigte mich und wollte gerade weiter in Richtung Straße gehen, als sie mich energisch drängend zum Museum zurück schob und mich freundlich lächelnd anwies durch den Ausgang das Museum zu verlassen. Deutlich verärgert über diese Missgebaren stapfte ich also noch einmal durch das Museum, um dann hinter dem Restaurant keine zwei Meter neben dem Eingang wieder auf die Straße zu treten. Verbohrte Japaner! Wie kann man nur so ordnunsgeil sein…
Auf dem Rückweg in die Innenstadt nahm ich in Shinjuku gleich die nächste JR-Line, um weiter zum Meiji-Schrein zu fahren. Ist immer wieder ein interessantes Gefühl in der Masse von (meist kleineren) Japanern zu stehen, dicht gedrängt, der einzige Halt eine Schlaufe über dem Kopf und dabei die vorbeiziehenden grauen Hochhäuser neben kleinen Holzhäusern vorbeiziehen zu sehen. Genau diese Momente geben einem das Gefühl, endlich mal dazu zu gehören, endlich ein Stück Normalität zu erleben und die Stimmung dieses Volkes zu erfahren.
So habe ich an diesem Tag sogar das Glück, gleich zweimal Opfer des japanischen Ordnungswahns zu werden. Am Bahnhof vom Meiji-Schrein kommt der Zug zum Stehen, doch die Türen öffnen sich nicht. Alles steht und wartet darauf, dass etwas passiert. Die ersten drücken gegen die Türen, wollen aussteigen, bevor der Zug weiterfährt. Dann setzt das Murmeln ein und verschämt werden Blicke mit dem Nachbarn ausgetauscht. Plötzlich dann, ein Ruck der durch den Zug geht. Wir fahren rückwärts. Zentimeterweise schiebt sich die Bahn am Steig entlang. Draußen die gleichen verdatterten Gesichter wie in der Bahn. Dann der Halt und wie von Zauberhand gleiten die Türen auseinander. Vor uns stehen bereits, brav aufgereiht in einer Schlange an der Bahnsteigmarkierung für den Türbereich, die nächsten Passagiere - sturmbereit.
Der Meiji-Schrein ist der bekannteste Shinto-Schrein in Tokyo, ein sehr beliebter Ort für traditionelle Hochzeiten im japanischen Stil, welche vornehmlich am Wochenende abgehalten werden. Umgeben von einem weitläufigen Park voller hoher alter Bäume, lässt es sich dort gut spazieren gehen. Der Weg ist breit, fast so, als ob hier regelmäßig tausende Menschen gleichzeitig einen Weg finden müssten. Ansonsten erkenne ich an dem Schrein nichts Besonderes. Ein Shinto-Schrein wie viele andere. Eine schöne Glocke, das Hauptheiligtum hinter einer Holztür versteckt, die obligatorische Wasserstelle und natürlich mehrere Möglichkeiten sein Glück zu kaufen oder herbei zu wünschen. Ich drehe noch einen großen Bogen über das Gelände und mache mich auf den Rückweg zur Bahn, natürlich nicht ohne den Rest des Parks zu erkunden. Der Spaziergang dauert länger als erwartet und als ich endlich wieder am Bahnhof ankomme, sitzen dort plötzlich eine Gruppe Gothic-Lolitas. Lustiger Anblick, auch wenn ich die Klamotten nicht anziehen würde – Fantasie haben diese Mädchen schon, das muss man ihnen lassen. Nur leider sind sie auch etwas kamerascheu und so kann ich für die Nachwelt leider nicht diese kleinen Meisterwerke der Nähtechnik und Kleiderkombination festhalten.
Was soll es. Ich lasse mich wieder mit der Masse von Menschen in den Bahnhof treiben und besteige die nächst beste Metro Richtung Shibuya. Ein nicht endendes Meer von grauen, abweisenden Hochhäusern schießt vor meinen Augen empor, als wir in den Bahnhof einfahren. Gegenüber dem Ausgang des Bahnhofs befindet sich eines der großen Einkaufszentren Tokyos. Massen von Menschen wuseln über die breiten Straßenkreuzungen, schlürfen die Treppen der Überführungen hinab zu den wartenden Bussen oder eilen zur nächsten Metro. Über meinem Kopf verdecken Stadtautobahn und Bahngleise die Sicht auf den Himmel. Ich haste schnell über die nächste Kreuzung und suche Schutz auf einem etwas weiter entfernten Autobahnübergang. Unter mir stauen sich die Tokyoter Angestellten in ihren Autos zurück nach Hause oder zum nächsten Geschäftstermin. Ein Ende der Autoschlange ist nicht in Sicht.
Irgendwie ertrage ich den Anblick und die dicke Luft nicht mehr und so suche ich den nächsten 7-Eleven auf, um mir erstmal etwas Trinkbares zu organisieren. Das viele Laufen hat mich doch recht durstig gemacht. Leider gibt es hier nichts zum Sitzen und so hocke ich mich schließlich auf einen Blumenkübel des nahe liegenden Bürokomplexes (mit eigenem Starbucks im Erdgeschoss). Ein paar Anzugträger gehen mit schnellen Schritten an mir vorbei, zu Mittagspause in ein nahes Nudelrestaurant. Mir fällt auf, dass die Japaner beim Laufen allesamt einen einheitlich monotonen Gesichtsausdruck annehmen. Fast schon als dumpfes, angestrengtes Starren kann es bezeichnet werden. Die Umwelt wird in der Wahrnehmung auf das Wesentliche begrenzt und jegliches Lächeln verschwindet. Währenddessen bewegen sich die Beine im Staccato von Maschinengewehrschüssen über die betonierten Wege. Alle haben es eilig von einem Ort zum anderen zu kommen.
Mein Ausflug in die Gassen und Seitenstraßen von Shibuya bringt mir keine neuen Höhepunkte – nur fade Hochhäuser soweit das Auge reicht. So kehre ich denn Shibuya den Rücken und fahre doch etwas geschafft zurück zum Hotel.
Am Abend gibt es noch ein Abschiedsessen in alltäglicher Umgebung. Unsere Reiseleitung hat in einer nahe gelegenen kleinen japanischen Kneipe für uns reservieren lassen und so sitzen wir nun zu zwanzigst auf Holzstühlen um eine Theke herum, während in der Mitte des Geschehens eifrig die Köche herumwuseln. Neben dem versprochenen Sake gibt es ein leckeres Essen mit Sashimi, Miso-Suppe, Tempura, Shabu-Shabu, Gemüse und Reis. Mit das beste Essen auf der ganze Reise. Wir freuen uns über den gelungen Abschlussabend, tauschen noch schnell Kontaktadressen aus und erzählen uns gegenseitig, was wir heut so alles gesehen haben. Sehr gemütlich. Erst gegen Mitternacht können wir uns wieder auf den Rückweg zum Hotel machen und zufrieden genießen wir die letzte Nacht in diesem fremden, doch hoch interessanten Land der aufgehenden Sonne.

An dieser Stelle soll mein Reisebericht enden. Natürlich sind wir alle wieder gut heimgekehrt und schon bald hatte uns der graue Alltag wieder eingeholt. Doch die Erinnerungen an diese Reise sind mir noch immer lebendig und werden mir noch lange erhalten bleiben. Ich hoffe, schon bald wieder in dieses interessante Land zurückkehren zu können, um noch mehr von den Geheimnissen Japans zu erforschen. In diesem Sinne bis bald Reisegemeinde :)

Viele Grüße,
eure Sarah

Montag, 24. März 2008

Japan - Reisetag 8

Den heutigen Tag können wir getrost unter totale Pleite verbuchen. Nach einem misslungenen Frühstück im Ryokan (Gesamtnote 4+), sollte der Tag heute voll im Zeichen des Fuji-san stehen. Dieser mächtige Vulkan-Berg, heiß-verehrtes Wahrzeichen Japans und Pilgerziel tausender Menschen jedes Jahr – hatte heute keine Lust. Neben anhaltendem Sprühregen, war der Fuji-san dauerhaft hinter einer dichten Nebelwand verborgen und wollte partout sein Gesicht nicht zeigen. Der Besuch im Fuji-Visitor-Center gestaltete sich als Massen-Touristenabfertigung, der es möglichst schnell zu entkommen galt.

In einem nahen Supermarkt konnten wir uns zumindest für die nächsten Tage mit etwas Anständigem zum Essen ausrüsten (endlich ein richtiges Frühstück!). Herrlich, endlich wieder mal Obst, Rosinenbrötchen, Muffins, Schokolade und Onigiris futtern. Jetzt konnte mich nichts mehr umhauen.

Unser nächstes Ziel waren die stinkenden Schwefelquellen auf dem Hakone-Berg. Dort wurden schwarze in Schwefelwasser getunkte Eier verkauft, die das Leben um sieben Jahre verlängern sollen. Ich habe lieber einen großen Bogen drum gemacht und denke, mir damit tatsächlich sieben Jahre meines Lebens erhalten zu haben.

Abschließend gab es noch eine enttäuschende Fahrt auf dem Ashi-See mit nicht vorhandenem Ausblick auf den Fuji-san, bevor wir in unser Hotel einkehrten. Erst zum Sonnenuntergang kam der Fuji-san endlich mit seiner Spitze hinter den dichten Nebelschwaden zum Vorschein und entlockte noch so manchen Bewunderer Ausrufe der Begeisterung.

Na gut, hier die Highlights als Fotos.

Grüße vom anderen Ende der Welt,
eure Sarah

Sonntag, 23. März 2008

Japan - Reisetag 7

Am Morgen besuchen wir in aller Frühe den Morgenmarkt in Takayama. Entlang des Flüsschens windet sich eine Straße, auf der nun eine überschaubare Anzahl weiß-überdachter Stände steht und diverse Waren feilgeboten werden. Von frischem Gemüse (vieles davon würde ich nie in den Mund nehmen) über traditionelle Süßigkeiten und Haushaltskram ist alles dabei. Die Sesam-Cracker und Tochi-Nuss-Snacks (regionale Spezialität) sind besonders gut und so packe ich erstmal ein paar Sachen als Mitbringsel ein. Überwacht wir das Ganze von der kleinen dicken Figur des Glücksgottes der Kaufleute, der die Besucher des Marktes am Anfang der Straße begrüßt.

Auf einer nahen Brücke sichten wir zwei seltsame Figuren mit ewig langen Armen oder Beinen. Uns wird erklärt, dass dies die ersten Kinder der Sonnengöttin mit dem Erdgott seien. Die langen Arme dienen dem Erdwandler zum Früchte sammeln, die langen Beine dem Meeresgott zum waten und Fisch fangen. Etwas missgebildet wirken sie trotzdem.

Weiter geht es mit dem Bus ins Freilichtmuseum von Hida. Hier gibt es hunderte traditionelle japanische Häuser aus dem ganzen Land mit Baustilen aus vier Jahrhunderten. Die Häuser wurden zumeist hierher gebracht, wenn ein Dammbau oder die Errichtung neuer Stauseen die Häuser sonst zerstört hätte.

Zuerst besuchen wir ein altes Weberhaus, welches durch das ewig rauchende Feuer in der Mitte des Hauses ganz verrußt und dunkel geworden ist. Der Ruß diente den Menschen damals als natürlicher Holzschutz vor Ungeziefer, während das Feuer einzige Wärmequelle des ganzen Hauses war. Die Holzdächer, aus versetzt gelegten Schindeln gefertigt, waren Erdbeben sicher und Luft durchlässig, so dass ein ständiger Luftaustausch im Haus gewährleistet war. Einziger Nachteil, die hohe Brennbarkeit.

Weitere Häuser sind eine dreistöckige Seidenraupenzucht (1.OG: Spinnerei, 2.OG: Raupenzucht, 3.OG: Seidenlagerung), ein Farmhaus mit zweitem Eingang übers Dach für die schneereichen Wintermonate, ein lokaler Shinto-Schrein, ein ehemaliges Schlittenhaus und Häuser zur Papierherstellung, zum Reisstroh flechten und für Lackarbeiten (Lackgewinnung aus geritztem Lackbaum). Der Shinto-Schrein besitzt eine herrliche Glocke, die wir sogar ausprobieren dürfen. Schon ein kräftiger Stoß mit einem verkürzten Baumstamm bringt die Glocke zum Singen und ein vibrierender Ton verbreitet sich über das ganze Museumsgelände. Heutzutage werden die Glocken der Shinto-Schreine offiziell übrigens nur noch zu Neujahr 108-mal geschlagen – zur Bekämpfung der 108 Sünden, welche im Schintoismus bekannt sind. Ein Stückchen weiter an einem kleinen Fluss nahe Reisfeldern sehen wir eine andere erstaunliche Konstruktion. Eine Art hölzerne Wippe mit Klotz, welcher ab und an auf einen harten Stein am Boden schlägt. Dies sollte einst die Wildschweine von den Reisfeldern fernhalten, wie uns erklärt wird.

Der Besuch im Museum endet mit einer kurzen Schneeballschlacht und schon bald sind wir wieder auf dem Weg – diesmal zum Ryokan, einem traditionellen japanischen Hotel am Suwasee. Jedes Zimmer wird normalerweise von maximal vier Leuten bewohnt (die sich nicht unbedingt kennen müssen). Ein Zimmer besteht im Allgemeinen aus drei Bereichen: dem Eingangsbereich zum Straßenschuhe ausziehen, dem Vorbereich (betretbar mit Slippers) und dem eigentlichen Wohn- und Schlafbereich. Dieses Zimmer ist mit Tatami-Matten ausgelegt. Man sitzt, isst und schläft auf dem Fußboden. Natürlich sind keine Schuhe in dem Wohn-Schlaf-Raum erlaubt, da Schuhe die Reisstrohmatten zerstören würden. Übrigens gibt es eigene Slippers für Klo. Und wehe man ist im Hotel mal mit den Klo-Schlappen unterwegs – das ist so ungefähr das Peinlichste, was einem passieren kann.

Gekleidet ist man in Yukatas, die vom Hotel bereitgestellt werden. Die Yukatas können überall getragen werden – zum Essen im Restaurant, auf dem Zimmer, beim Schlafen oder bei einem kleinen Spaziergang im Ort. Im Grunde sind es bessere Bademäntel aus schön bedrucktem Baumwollstoff mit Gummigürtel.

Das Highlight des Hotels für die Japaner ist das Onsen –ein heißes Bad mit Wassertemperaturen zwischen 42°C und 45°C, gespeist aus unterirdischen heißen Quellen. Die japanische Bäderkultur unterscheidet sich etwas von der deutschen. In Japan wird nicht gebadet, um sich zu waschen, sondern nur um zu entspannen. Gewaschen wird sich vorher an extra Waschstellen. Dort stehen neben einem Hocker und Wasserschlauch auch kleine Holztröge, Waschlappen, Seife und Shampoo bereit für die Reinigung. Nach dem Sauber machen ist Schwitzen im heißen Wasser angesagt – meist nicht länger als 5 – 10 Minuten. Danach gibt’s eine kalte Ladung Wasser und es geht wieder ins Wasser. Im Grunde eine Art Feucht-Sauna, denn unsere klassische Holzsauna findet man in Japan nicht vor.

Nach zwei Badegängen habe ich genug geschwitzt und so mache ich mich fürs Abendessen fertig. Abendessen und Frühstück sind in jedem Ryokan standardmäßig im Preis inbegriffen, wobei es für jeden Gast das gleiche Essen gibt. Das Abendessen – Kaiseki - kann aus neun bis elf Gängen bestehen und sowohl im Restaurant, als auch privat auf dem Zimmer eingenommen werden. Gegessen wird an flachen Einzeltischen, wobei man im Schneidersitz oder kniend auf weichen Kissen vor dem Tisch auf dem Boden sitzt.

Das Essen selbst kostete mich und viele andere der Gruppe zum Teile arge Überwindung. Schon der zweite Gang erzeugt bei mir einen leichten Würgreiz, der nur durch eine nachgeschobene Portion Reis und Miso-Suppe unterdrückt werden konnte. Algen, Glibber-Nudeln, Fischeier und undefinierbare Fischbrühe – igitt. Lecker war hingegen der Aperitif (Quittenschnaps), das Sashimi aus Tintenfisch und Regenbogenforelle, Shabu-Shabu aus Schweinefleisch, Pilzen, Salat und Zwiebeln, sowie ein Bratapfel mit Pilzfüllung und überbackenem Käse. In Grenzen hielt sich meine Begeisterung für das sauer eingelegte Gemüse und eine total tot-gekochte Rübe mit undefinierbarer Füllung, sowie dem Dessert aus parfümiertem Glibber. In Schulnoten ausgedrückt würde das Essen heut von mir nur eine 3+ erhalten, also nicht gerade berauschend. Die Sättigung setzte übrigens schon nach Gang fünf ein.

Um uns eine Verschnaufpause beim Essen zu verschaffen, gab es eine kleine Showeinlage der Köche. Diese bereiteten vor unseren Augen Fisch für Sashimi vor und schnitzten aus Kürbis, Möhre, Rettich und Gurke eine wunderschöne Dekor-Blume. Eine tolle Leistung, aber unglaublich viel Arbeit für nur eine Verzierung!

Nach dem Abendessen rollten wir uns zurück auf die Zimmer, wo unsere Futons bereits zum Schlafen ausgebreitet lagen. Zwei dicke Decken als Matratzen und eine kuschelige dicke Decke zum Zudecken – leider lange nicht so schön wie mein Matratzenbett Zuhause. Nach der Hälfte der Nacht drückten sich die Tatami-Matten langsam durch, so dass der Eindruck entstand man würde auf Holzbrettern ruhen. Außerdem konnte sich meine Zimmernachbarin nicht das Schnarchen verkneifen und erst nach mehrmaligem Treten und Anstoßen gab sie Ruhe.

Fotos gibt es hier zu sehen.

Gute Nacht Reisegemeinde,
eure Sarah

Samstag, 22. März 2008

Japan - Reisetag 6

Der Morgen startet heute mit einem europäisch angehauchten Frühstück im Hotel von Toba. Zumindest sollte es continental breakfast sein, sieht aber eher nach fettig englischem Frühstück aus. Dafür entschädigt uns die tolle Aussicht vom Frühstückssaal auf das sonnendurchflutete japanische Meer und die Perlenzuchtkolonien.

Wir reisen ab heute für die nächsten Tage per Rucksack durchs Land und unsere erste Zugfahrt bringt uns in das alte Handwerksstädtchen Takayama. Der Zug ab Nagoya hat ein besonderes eingebautes Feature – drehbare Doppelsitze. So können sich die Gäste an die jeweilige Fahrtrichtung anpassen, um immer vorwärts zu fahren.

Bei drei Stunden Zugfahrt heißt es irgendwann picknicken. Nach dem Überfall auf einen Bahnhofskiosk in Nagoya (die arme Verkäuferin war ganz verängstigt, als ihr kleiner Kiosk plötzlich total mit Ausländern überschwemmt war) konnten wir diverse O-Bento-Boxen (gefüllte Lunch-Boxen mit Sushi, Gemüse, usw.) und Onigiris samt Getränken erstehen.

Mampfend fahren wir durch die japanische Berglandschaft, die sich uns so wunderschön links und rechts der Bahngleise erstreckt. Steile, felsige Bergwände überwachsen mit Moosen, Sträuchern und unzähligen alten Bäumen, sowie Bambushainen – ihnen zu Fuß schlängelt sich mit glasklarem grünen Wasser der Izu-Fluss durch die japanischen Alpen. Ab und an sehen wir Wasserschleusen und Dämme gegen das Frühlingshochwasser, denn Wasser gibt es dann übermäßig viel. Hingegen sind die Sommermonate meist sehr trocken und niederschlagsarm.

So schön diese Landschaft auch ist, so ungeeignet ist sie doch zum Wandern. Wandern hat in Japan keine Tradition und noch heute gibt es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Wanderwegen. Neu angelegte Wanderwege schlängeln sich als ewige geteerte Pfade durch die Landschaft. Nicht gerade eine Art Wanderweg, die einem das Herz höher schlagen lässt.

Unsere Ankunft in Takayama endet mit einem kurzen Fußmarsch zum Hotel. Uns wird ordentlich warm, da wir uns alle nach dem kalten sonnigen Wetter in Toba etwas mehr angezogen hatten. Hier in Takayama schlägt uns plötzlich warmer Wind entgegen und die Sonne lässt uns schwitzen. Bloß schnell zum Hotel und raus aus den Klamotten.

Uns bleibt nicht lange Zeit zum Verweilen, da unsere Reiseleitung schon wieder auf Stadtbesichtigung gehen möchte. So schlendern wir entlang niedriger Einfamilienhäuser durch gemütliche kleine Gassen und winden uns immer weiter hinein in die Stadt. An einem alten zweistöckigen Fachwerkhaus aus dunklem verwittertem Holz halten wir an, um eine Besichtigung vorzunehmen. Das Haus stammt von einer Bankiersfamilie, die sich trotz damals schon horrender Bodenpreise ein 1000 m² Haus mitten in die Stadt setzen konnten. Das heute nur noch als Museum genutzte Haus beinhaltet einen Gemeinschaftsraum mit Feuerstelle für den Tee (Wärmequelle), einem Esszimmer, einem Puppenzimmer (nicht zum spielen, nur anschauen), mehreren Schlaf- und Ankleidezimmern, sowie der Küche und dem Dachboden zum Lagern. Die Zimmer werden durch Papier-Holz-Schiebetüren voneinander abgegrenzt. Das besondere Feature dieses Hauses ist ein in das Gebälk eingebauter kleiner buddhistischer Schrein, sowie ein kleiner tragbarere Schrein für den Gott der Kaufleute. Und damit dem Glück nicht genug, vor dem Haus sitzt natürlich wieder der Geld bringende Dachs und eine Winkekatze.

Außerdem erfahren wir, dass sich früher japanische Frauen ihre Zähne schwarz bemalt haben, damit man die Zahnlücken nicht erkennen konnte (starker Calciummangel in der Ernährung, so dass bei jeder Geburt ein paar mehr Zähne ausgefallen sind).

Nach diesem Besuch entdecken wir im Haus gegenüber einen Tatami-Hersteller, der gerade an ein paar neuen Matten arbeitet. Er presst das Reisstroh erst in mehreren Einzelschichten, um sie dann auf die Kante genau mit Stoff zusammen zu fassen. So entstehen die dicken Matten für die Haus- und Tempelböden.

Unser Spaziergang führt uns weiter in die Altstadt, wo wir immer mehr alte dunkle Holzhäuser mit niedrigem Bau sehen. Die Häuser stehen heutzutage unter Denkmalschutz und werden in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Innen geht das Leben ganz normal weiter mit Restaurants, Teehäusern, Geschäften, Sakebrauereien und Wohnungen.

Mir fallen die vielen kleinen Vorhänge vor den Eingängen der Geschäfte auf. Hängen sie draußen, ist das Geschäft geöffnet. Meist prangt noch das Familienzeichen auf den Stoffvorhängen, die alle in unterschiedlichsten Farben im Wind flattern. Über der Sakebrauerei, die wir als nächstes besichtigen, hängt eine riesige braune Kugel aus Reisstroh – das Symbol der Sakebrauereien (jede hat eine über dem Eingang hängen). Das Zeichen kommt nicht von ungefähr, wird doch Sake aus Reis gebrannt. Viel zu sehen gibt es nicht in der Brauerei, dafür wird uns der Entstehungsprozess von Sake erläutert (im Grunde wie Bier brauen) und wir dürfen alle mal kosten. Der Sake schmeckt viel besser als das Zeug, welches man in Deutschland in den Asia-Läden zu kaufen bekommt.

Wir beschließen unseren Stadtbummel in der Gruppe und machen uns den Rest des Nachmittags allein auf die Socken. Die friedliche Stimmung der Stadt hat einen beruhigenden Effekt auf mich und so schlendere ich durch Seitenstraßen, schaue Leuten bei ihren Alltagsgeschäften zu und finde mich schließlich beim örtlichen Shinto-Schrein wieder. Die Priesterinnen tragen hier rote weite Plusterhosen und weiße Jacken (wie im Judo). Der Schrein selbst ist am Berg gelegen und überall auf dem Gelände stehen unzählige Bäume, die den Schrein wunderschön einrahmen. Ich versuche ein Glücksamulett für die Liebe zu erstehen, doch die anderen Anhänger gefallen mir besser (besonders der fürs Altwerden und Sicherheit im Straßenverkehr).

Auf dem Rückweg zum Hotel mache ich es mir noch am Fluss gemütlich, beobachte ein paar Enten und schaue zu, wie ein Japaner sein Auto einparkt. Jetzt haltet ihr mich sicherlich für verrückt, was daran so besonders sein soll. Nun, die Garage war Teil des unteren Hauses und gerade breit genug für eines dieser schmalen Nissan-Mobile. Alle Fahrgäste müssen vorher aussteigen, nur der Fahrer kann sitzen bleiben und fällt dann in der Garage direkt durch eine Tür in der Wand ins Haus. Eine derartige Garagenkonstruktion ist in Japan nicht selten, da Platz für extra Garagen zuviel Geld kosten würde und auf der Straße parken oftmals verboten ist. Also gar nicht so leicht, da einen schönen Parkplatz zu finden.

Zurück im Hotel kämpfe ich mal wieder mit dem Internet, was hier angeblich 100Yen pro 10 Minuten kosten soll. Leider endet mein Kontingent nach bereits 5 Minuten, was für eine Abzocke! Aber Freude, meine Mutter und mein Freund haben mir geschrieben und schon mal frohe Ostern gewünscht (morgen ist Ostersonntag).

Zum Abendessen geht es heute ins Sukiyaki-Restaurant. Sukiyaki ist der japanische Hot-Pot (Eintopf), den man sich direkt selbst am Tisch zubereitet. Dazu wird eine Kochstelle im Tisch, einen großen Topf mit Brühe (Wasser, Zucker, Sojasoße, Fischsoße), viel frisches Gemüse, Nudeln, dünn geschnittenes Fleisch und Fisch benötigt. Das alles kippt man nach und nach in die heiße Brühe, um es gar werden zu lassen. Danach wird es dann mit Stäbchen wieder rausgefischt und sofort gegessen. Dazu gibt es Reis, Miso-Suppe, sauer-eingelegtes Gemüse, Eis und Sake. Super lecker und sättigend (Sättigung hält bestimmt bis morgen an). Entschädigt vollkommen dafür, dass sich unsere Reiseleiterin auf dem Weg zum Restaurant mal wieder verlaufen hatte. Kugelrund schleichen wir später zum Hotel zurück und lassen uns nach einem Absacker in der Lobby in unsere Betten fallen.

Hier noch schnell der Link zu den Fotos des heutigen Tages.

Viele Grüße und gute Nacht,
eure Sarah :)

Freitag, 21. März 2008

Japan - Reisetag 5

Was für ein Morgen! Endlich mal nicht um 7 Uhr aufstehen, sondern gemütlich bis 8 Uhr schlafen. Bald schon holt uns der Bus am Hotel ab und fährt fort von Kyoto aufs Land. Unser Weg führt uns vorbei an Reisfeldern, Bauernhäusern und kleinen Dörfern. Die dörflichen Häuser sind zumeist Holzhäuser niedriger Bauart, wobei die Reisfelder der Familie zumeist direkt an das Haus angrenzen. Ab und zu sehen wir ein paar Einwohner dieser ländlichen Idylle. Je weiter wir jedoch fahren, desto seltener werden die Siedlungen. Schon bald sind wir in bergigem Gelände, zu felsig und steil für Ackerbau oder Besiedlung. Dies ist der bevölkerungsärmste Teil Japans und Grund für die riesigen Ballungszentren an der Küste, denn Japan besteht zu 73% aus schwer besiedelbarem Gebirgsland. Dafür hat sich die sonst so stark verdrängt Natur hier ihren Raum erhalten und zeigt sich von der schönsten Seite. Gebirgsschluchten mit wilden grünen Flüssen wechseln sich ab mit weiten grünen Mischwäldern.

Unser Weg führt uns heute zum Miho-Museum in der Präfektur Shiga. Erbaut von dem berühmten chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der auch schon die Pyramide beim Louvre oder den Pei-Anbau des deutschen Museums in Berlin geschaffen hat. Das Museum geht zurück auf Mihoko Koyama (nach der es benannt wurde), der Erbin des Toyobo-Textil-Unternehmens, einer der reichsten Frauen Japans. 1970 gründete sie die spirituelle Bewegung Shinji Shumeikai, die inzwischen angeblich 300.000 Mitglieder weltweit hat. 1991 gab sie den Auftrag, das Museum in der Nähe von Misono, dem spirituellen Zentrum von Shumei, in den Bergen von Shiga, zu bauen.

Pei begründete die Wahl des Bauortes mit einer alten japanischen Legende. Ein Fischer soll sich einst auf einem Fluss verfahren haben. Ein Pfirsichhain am Rande des Ufers ließ ihn aufmerksam werden und als er dem Lauf des Flusses neugierig weiter folgte, kam er plötzlich in ein unberührtes Tal. Dort lebten Menschen, glücklich und im Einklang mit sich und der Natur. Für den Fischer war es das Paradies auf Erden.

Das Museum sollte dieses Paradies im Nichts darstellen. Ein langer Tunnel beschreibt den endlosen Weg des Fischers auf dem Fluss. Beim Verlassen des Tunnels kann man den Haupteingang des Gebäudes bereits erkennen, wie er sich in den Berg schmiegt. Der Eingang ist umwachsen mit Bäumen und Sträuchern und Blumen und scheint in den Berg hinein zu führen. Ein kurzer Marsch über die Brücke zwischen Tunnel und Gebäude symbolisiert den Übergang in eine andere verzauberte Welt, in der man sich als Betrachter nur zu gerne verliert. Beim Eintreten ins Gebäude fällt der Blick sofort auf die Glasfassade gegenüber, hinter der sich die Berglandschaft Shigas erhebt. Eingerahmt wird diese durch einen vorm Fenster gepflanzten Baum – eine traumhafte Aussicht! Das Museum selbst ist eine Holz-Glas-Stahl-Konstruktion, die Ausstellungsstücke sehr erlesen doch nicht allzu zahlreich. Auffällig für mich, es wird hier nie über den Preis des Baus gesprochen. Wir bekommen ein nettes Video über den Bau und Sektengründer zu sehen, können das Gebäude und die Landschaft bestaunen, doch diese Information gibt niemand preis. Zum Bau des Museums wurde übrigens der obere Teil des Berges zuerst komplett abgetragen, dann das Museum errichtet und schließlich der Berg um das Museum herum wieder in seiner alten Form hergestellt. So befinden sich heute 90% des Gebäudes unter der Erde.

Nach einer relaxten Mittagspause in der Sonne vor dem Museum machen wir uns auf den Rückweg zum Bus. Dieser bringt uns zum japanischen Hauptheiligtum des Schintoismus – dem Ise-Schrein. Alle 20 Jahre werden die Gebäude dieses Schreins komplett erneuert und das alte heilige Holz an alle Schinto-Schreine Japans verteilt. Diese restaurieren davon ihre Gebäude oder verkaufen die Holzsplitter in Form von Glücksamuletten, um den Schrein zu finanzieren. Der Ise-Schrein selbst liegt herrlich verborgen in einem großen Nationalpark mit mächtigen Zypressen- und Zedernbäumen. Große hölzerne Toris weisen uns den Weg zum Hauptheiligtum der Sonnengöttin. Wir kommen an der alten rituellen Waschstelle am Fluss vorbei, wo sich heute in der Sonne vor allem Kinder und Jugendliche tummeln. Händchen haltende Pärchen kuscheln sich verlegen aneinander und genießen das Spiel der Sonnenstrahlen auf dem Wasser. An einem der kleineren Nebenheiligtümer treffen wir zufällig auf einen japanischen Germanistik-Studenten, der sich erfreut über unser Interesse am Schrein zeigt. Ein Einheimischer, wie sich herausstellt, der seit drei Jahren Deutsch lernt. Viel merkt man davon zwar nicht, aber nett ist er trotzdem. Doch bald schon müssen wir uns von ihm verabschieden und es geht weiter Richtung Sonnen-Tempel. Am Laden für Glücksbringer sehen wir eine Familie aus Vater, Mutter, Neugeborenem und Oma auf dem Weg zur Taufe. Dem zwei Monate alten Kind wurde ein süßes Mäntelchen umgelegt und verwirrt blinzelt es nun in die Sonne, als die stolzen Eltern sich für uns in Positur werfen. Später folgen wir dem Grüppchen zum Hauptheiligtum, wo ein Priester das Kind und seine Familie mehrfach segnet. Das Hauptheiligtum ist übrigens von fünf Holzmauern umgeben, wobei nur Hohepriester und Kaiser in die beiden innersten Ringe dürfen. Touristen wie wir kommen bis zum vierten Ring. Schade, schade, so sieht man gar nichts…. Gleich nebenan ist bereits der Platz für das zukünftige Heiligtum abgesteckt worden. Hier wird in 15 Jahren das neue Gebäude errichtet werden, doch vorerst versuchen wir noch von einer anderen Ecke des Geländes einen Blick in den Bereich der aktuellen innersten Ringe zu erhaschen. Vielmehr als die goldenen Dachspitzen sind aber nicht zu erkennen. Gegen 17 Uhr wird es Zeit, das Tempel-Gelände zu verlassen und den Priestern ihre tägliche Ruhe zu gönnen. Wir verabschieden uns von den Wäldern und Schreinen, tauschen uns noch in einem kurzen Dialog mit den heiligen Hähnchen der Priester aus und schon geht es zum Hotel nach Toba.

Dort erwartet uns ein europäisches Dinner nach japanischen Vorstellungen – kein Kommentar. Nur soviel: mit europäischer Küche hatte das nichts zu tun, war aber trotzdem lecker.

Für alle Neugierigen hier noch die Fotos von heut.

Viele Grüße aus dem fernen Japan,
eure Sarah

Donnerstag, 20. März 2008

Japan - Reisetag 4

Heute geht es mit dem Schnellzug – Shinkansen – von Kyoto nach Himeji zur Burg des weißen Reihers. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h ist der Shinkansen schneller als der deutsche ICE (250 km/h) und immer pünktlich. Die erste Strecke wurde übrigens 1967 eingeweiht. Heute zieht sich ein 3000km langes Streckennetz durch Japan, dass alle wichtige Großstädte verbindet. Allein auf der Strecke zwischen Tokyo und Hiroshima fahren am Tag 200 Züge, alle fünf Minuten rauscht also ein Shinkansen in den Bahnhof. Auf den Zentimeter genau hält er im Bahnhof, damit die Fahrgäste an markierten Stellen aus- und einsteigen können. Der Komfort lässt sich ungefähr mit einem erste Klassesitz im IC vergleichen, was jetzt nicht so berauschend ist aber immerhin. Der Shinkansen ist immerhin das am häufigsten genutzte Transportmittel für die Japaner, um von einer großen Stadt zur nächsten zu kommen. Preislich fährt man mit dem Zug besser, da auf japanischen Autobahnen hohe Mautgebühren verlangt werden. So sind auf den Autobahnen wochentags meistens LKWs zu sehen, während am Wochenende die städtischen Ausflügler die Straßen bevölkern. Was mir sofort negativ auffällt ist der Abstand der Bahnstrecke zu den Wohnhäusern. Zum Teil rast der Zug nur wenige Meter an Hochhäusern vorbei, wobei man wissen sollte, dass der Shinkansen einen Höllenlärm macht und durch seine Geschwindigkeit eine starke Druckwelle erzeugt. Der Lärmpegel ist ungefähr vergleichbar mit einer 100fachen Kolonne Panzer, die in voller Fahrt über eine wackelige Brücke rauschen oder einem ohrenbetäubenden Gewitter, wenn es sich gerade über einem auslässt. Nicht gerade angenehm, wenn das am Tag alle fünf Minuten geschieht. Ruhe herrscht da nur zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens.
Bei unserer Ankunft in Himeji können wir schon vom Bahnhof aus in der Ferne die weiß erstrahlende Burg auf dem Hügel erkennen. Ein kurzer Marsch durch die Stadt bringt uns direkt an die Burgmauern dieser alten Verteidungsfestung vergangener Feudalherren. Hierhin zog sich die Bevölkerung samt Feudalherr und Samurai zurück, um Widerstand zu leisten. In ihrer Geschichte wurde die Festung trotz mehrerer Angriffe niemals wirklich eingenommen. Heute ist sie Unesco-Weltkulturerbe und wird täglich von einem endlosen Touristen-Strom heimgesucht.
Das Gebäude an sich ist wie alle japanischen Häuser aus Holz erbaut worden, wobei hier als Besonderheit die hölzerne Fassade weiß verputzt wurde. Das Fundament besteht aus teils unbehauenen Feldsteinen, andernteils aus speziell gemeißelten Steinen, welche insbesondere die Mauerkanten formen. Die Steine wurden wiederum von Untertanen aus dem ganzen Land herangeschafft und den Feudalherren zum Geschenk gemacht. Insgesamt haben 13 Familien in die Festung investiert und hier gewohnt. Ihre Wappen sind noch immer über das Gelände verteilt in Form von Dachziegel oder Mauermeißelungen zu sehen, um die Wohnstellen der Familien zu markieren.
Unser Weg führt uns bergauf durch die Befestigungsringe und den Wehrgang der Anlage zum Hauptwachturm. Ein Teil unserer Gruppe hat es ganz schön schwer, den Anstieg zu bewältigen – ständige höre ich ein Hecheln und Stöhnen bei jeder neuen Treppe. Dazu kommen das anhaltend nass kalte Wetter und die noch nicht erblühten Kirschknospen, nicht wirklich schön für diese Wanderung. Zu sehen gibt es nicht allzu viel – eher viel Leere. Einige Räume werden als Dienstmädchen-Zimmer oder Schlafzimmer der Samurai ausgewiesen. Im Mauerwerk sind noch deutlich erkennbar Schießscharten und Löcher zum Steine werfen auszumachen. Endlich am Hauptwachturm angekommen, steht uns die eigentliche Besteigung erst noch bevor. Sieben Stockwerke hoch steigen wir über arg steile Treppen hinauf in die Luft, umgeben von zahlreichen Japanern, die ebenfalls die Aussicht von oben genießen wollen. Mit jedem Stockwerk werden die Treppen steiler und die Stufen immer höher. Einst sollte das Angreifer abhalten, den Turm allzu schnell zu erstürmen. Gute Technik, wenn man das Gewicht der damaligen Samurai-Rüstungen bedenkt, die schon gut und gerne mal 20-30 kg wiegen konnten. Oben angekommen begrüßt uns ein kleiner Shinto-Schrein mit geopfertem Sake. Ob es wohl auffallen würde, wenn da ein Schlückchen fehlte? :)
Die Aussicht über die Stadt ist eine angenehme Belohnung nach diesem mühsamen Aufstieg. Bei einem Blick aus dem Fenster entdeckte ich an einem Dachgiebel eine Fisch-Figur, die sich mit dem Mund an das Dach klammert. Mir wird erklärt, dass Fische auf den Dächern als Repräsentanten für Wasser stünden und somit als Schutzgötter Glück vor Feuer bringen sollen. Na wenn das mal hilft. Habe noch nie einen Tonfisch Feuerwehr spielen sehen…
Da sich die Besichtigung der Burg dem Ende zuneigt, machen sich einige der Gruppe auf zu einer nahe gelegenen Parkanlage mit neun verschiedenen Themen-Gärten. In einem der Gärten entdeckte ich an einem kleinen Teich mit Koi-Karpfen einen Reiher, der erst gierig ins Wasser schielt und dann mich misstrauisch beäugt. Eine Weile schauen wir uns tief in die Augen, dann fängt mein Magen an zu knurren und ich mache mich auf mir ein Mittagsplätzchen zu suchen.
Gleich um die Ecke steht, überwachsen von einer alten Glyzinie, eine Sitzecke aus Holzbänken. Dort lasse ich mich nieder und genieße in aller Ruhe mein Mittagessen. Ein plötzliches Rauschen in der Luft macht mich aufmerksam. Mein Blick fällt auf den angrenzenden Zaun, auf dem nun der Reiher hockt und mir interessiert beim Mittagessen zuschaut. Der will doch nicht etwa was von meiner Banane oder dem Onigiri abhaben?! Die Fische waren ihm wohl doch eine Nummer zu groß. Inzwischen ist auch der Rest unserer Gruppe angekommen und es beginnt ein wildes Geknipse, wobei der Reiher erstaunlicherweise vollkommen unbekümmert weiter in meine Richtung starrt. Doch alles schauen nützt ihm nichts. Schon bald bin ich fertig und enttäuscht erhebt sich der Reiher wieder in die Lüfte, um nach Nahrung Ausschau zu halten.
Mein Weg führt mich zurück zum Bahnhof mit einem Abstecher in ein nahes Einkaufszentrum. Unglaublicherweise wimmelt es dort nur so von Menschen allen Alters – und das am frühen Nachmittag. Immer wieder laufen mir junge Mädchen mit Kniestrümpfen und Miniröcken oder ihrer Schuluniform (auch mit Rock) über den Weg. Das denen bei windigen 11 Grad Celsius nicht kalt ist… Die Auslagen der Läden erscheinen mir überladen und wenig ansprechend, die Lautstärke der Menschen tut den Rest und so verkrümle ich mich bald wieder aus der Shopping-Meile und warte am Bahnhof auf den Rest der Gruppe. Mein Abstecher zur Toilette brachte mir übrigens endgültig die Erkenntnis, dass Japaner Waschbecken in öffentlichen Toiletten nur anstandshalber anbringen. Leider gibt es nämlich nichts zum Hände abtrocknen, so dass die Wenigsten die Waschbecken nutzen.
Zurück nach Kyoto bringt uns einer der lokalen Regionalzüge. Mir erscheint er fast schon wie eine unserer vielen S-Bahnen, das gemütliche Schaukeln mit Halt in jedem kleinen Dorf. Bevor wir jedoch wieder in Kyoto eintrudeln machen wir noch einen Ausflug zur Akashi-Brücke. Diese Autobahn-Hängebrücke aus Stahl ist vier Kilometer lang und verbindet seit 1998 die Städte Kobe und Awaji auf der Insel Awajima. Mit einer Mittelspannweite von 1990,8 m ist sie die Brücke mit der größten Stützweite der Welt. Unter der Brücke wurde für Interessierte ein Gang angebaut, von dem man aufs Wasser oder unter Brücke entlang schauen kann. An einer Stelle ist ein 3 Meter langes Glasfenster in den Boden gelassen worden, so dass man direkt unter seinen Füßen dem Meer zuschauen kann. Ich beobachte eine japanische Familie mit drei Töchtern, die allesamt angsterfüllt vor dem Glasboden stehen und sich nicht drüber trauen. Wie bei einem Balanceakt hangeln sie sich an den Seiten mit viel Angstschreien am Geländer entlang. Der Vater ist nicht weniger ängstlich – was für ein Vorbild! Ich stehe derweil die ganze Zeit auf dem Glasboden und betrachte das Treiben, mache eifrig Fotos von den Mädels und amüsiere mich köstlich. Der Rest ist eher unspannend, wenn man wie ich bereits die Golden Gate Bridge, Tower Bridge, usw. gesehen hat. Außerdem ist das Wetter hier extrem unfreundlich. Ein starker, kalter Wind bläst uns um die Nasen und ein leichter Nieselregen lässt uns nach und nach erzittern.
Bloß schnell wieder in den Zug und zurück zum Hotel. Per Bummelzug fahren wir Richtung Kyoto, bis uns plötzlich unsere Reiseleiterin aus dem Zug treibt. Keiner versteht den Aufruhr, sollte doch der Zug direkt zum Hautbahnhof von Kyoto fahren. Am Bahnsteig wird klar, unsere Reiseleiterin möchte Zeit sparen und deshalb einen schnelleren Zug nehmen. Na wenn das mal was bringt. In der Kälte warten wir auf den nächsten Zug, der auch noch vier Minuten Verspätung hat. Der Zug selbst ist gerammelt voll und einige von uns müssen den Rest des Weges stehen. Auf den letzten 100 Metern vorm Bahnhof holen wir unseren alten Zug ein und kommen genau eine Minute eher an. Das hat sich doch gelohnt!
Aber vergessen wir das mal. Da mir noch genügend Zeit bleibt bis zum Abend bummle ich ein bischen in der Bahnhofsgegend umher. Auf der Suche nach einem Geldautomaten entdeckte ich einen 7-Eleven mit leckeren Nachschub-Onigiris. Wer im Übrigen Geldautomaten in Japan suchte, sollte immer 7-Eleven oder die Post aufsuchen, beide verfügen in der Regel über mindestens einen ATM.
Unter dem Kyoto-Tower befindet sich das lokale Warenhaus mit drei Etagen für allerlei Alltagskram, Souvenirs und Lebensmitteln. Die Ordnung oder eher Unordnung erinnert mich irgendwie an ein altes DDR Warenhaus aus meiner Kindheit. Das so genannte Handelshaus gibt es jedoch schon lange nicht mehr. Stattdessen steht dort seit nunmehr achtzehn Jahren eines der bedeutendsten modernen Einkaufszentren Ost-Berlins. Komisches Gefühl…. Ich beschließe den Tag mit einem leckeren Onigiri und verabschiede mich schon mal von dieser Stadt. Morgen geht es weiter aufs Land.

Hier noch der Link zur Foto-Gallerie des heutigen Tages.

Grüße an die Reisefreunde,
eure Sarah

Mittwoch, 19. März 2008

Japan - Reisetag 3

Nun bin ich schon drei Tage in Japan und langsam aber sicher bekomme ich ein Stück Sicherheit, was dieses ungewöhnliche Land und seine Menschen angeht. Wie schon die letzten beiden Tage mache ich mich vor dem Frühstück noch schnell auf in die PC-Ecke des Hotels. Heute sollen die ersten Fotos nach Hause geschickt werden…. Denkste. Nach einer dreiviertel Stunde gebe ich mich geschlagen, das dauert ja ewig! Dann halt nicht.

Etwas enttäuscht begebe ich mich zum Frühstücksraum, wo mir mal wieder zwei nette Herren an den Platz helfen. Ach ja, Dienstleistungsgesellschaft Japan. Das müsste man sich mal in Deutschland vorstellen. Eine Person, die nur dafür zuständig ist Frühstücksvoucher entgegen zu nehmen und an den Tischzuweiser weiter zu geben. Oder an jeder Baustelle mindestens zwei Personen, die allein für die Autobetreuung zuständig sind. Haben dabei meist noch lustige Schilder umhängen. Außerdem tragen alle Dienstleister Handschuhe. Nach Aussage unserer Reiseführung wurde das von den Engländern übernommen. Angeblich soll es dem Leistungsempfänger ein Gefühl der Sauberkeit und Ordnung vermitteln. Also sieht man in Japan Taxi- und Busfahrer, Polizisten, Hotelpersonal, Kellner und so weiter mit weißen Handschuhen rumlaufen.

Wie dem auch sei, nach einer morgendlichen Stärkung mit Miso-Suppe, Salat, Muffins, Reis und frisch gepressten Obstsäften geht es heute als erstes zur Meditation beim Zazen-Lehrer. Vielleicht hilft uns ja die Meditation das plötzliche schlechte Wetter mit Dauerregen und 11 Grad Celsius zu vergessen. Am Zen-Tempel angekommen lacht uns erstmal eine riesige Beton-Kannon-Statue entgegen. Der Meditationsraum liegt in einer Art Bungalow, welches innen mit Tatami-Matten (Reisstroh) ausgelegt ist. Schon beim Schuhe ausziehen sticht mir der durchdringende Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Der Raum an sich ist spartanisch eingerichtet. Hinter dem Lehrer hängt ein kurioses Rollbild mit Tuschezeichnung an der Wand. Je länger ich es anschaue, desto ähnlicher wird es dem Mann, der da vor uns sitzt. Ansonsten wird jedem von uns ein Stapel dicker Sitzkissen zugewiesen und dann heißt es Platz zu nehmen – im Schneidersitz (am besten Lotus-Sitz).

Meditation beginnt mit einer korrekten Körperhaltung, so wird es uns erklärt. Also Lotussitz, gerader Rücken und verschränkte Finger. Der nächste Schritt ist die Fixierung der Augen auf einen Punkt vor einem. Bei der Zen-Meditation geht es nämlich nicht darum, möglichst schnell einzuschlafen. Augen offen halten und Kopf leer machen von allen Gedanken ist die Devise, womit wir schon bei Schritt drei der Meditation angelangt sind. Im letzten Schritt wird die Atmung kontrolliert und extrem verlangsamt, um zur Ruhe zu kommen. Jeder Schritt wird durch das Erklingen eines Glöckchens markiert. Nachdem man nun perfekt sitzt und atmet herrscht absolute Stille und Konzentration. 10 Minuten darf keiner was sagen oder tun. Nach einer Weile wird mir ganz schwindelig und die Linien auf den Tatami-Matten beginnen sich zu winden. Mir scheinen die Räucherstäbchen wohl nicht so gut zu bekommen. Erleichtert atmen wir alle auf, als die Zeit rum ist. Nur das Wecken war etwas unsanft. Zwei dicke Holzklötze werden vom Lehrer zusammengeschlagen, was in diesem Moment der Stille wie der Urknall klingt. Im Übrigen meditieren normale Japaner 40 Minuten und länger. Kein Wunder also, wenn da mal einer wegdöst. Dafür hat der Lehrer aber eine ganz lange Holzlatte, die dann halt auf die Schulter niedersaust und den Meditierenden ganz schnell wieder in einen wachen Zustand versetzt. Das wollte von uns dann aber doch keiner austesten.

So ausgeglichen und erholt geht die Fahrt weiter zum Roanji, ein Zen buddhistischer Tempel, der besonders für seinen schönen Steingarten bekannt geworden ist. Leider regnet es sich gerade richtig schön ein, so dass erstmal mein Rucksack in ein Regencape gewickelt wird. Die Mönche, die hier leben und gelebt haben führen ein einfaches Leben als Bettelmönche. Einige von ihnen sind wohl an Universitäten als Professoren tätig – der einzige Beruf, der von einem Mönch nebenher ausgeübt werden darf. Die Räume zeigen keinerlei Einrichtung außer den bekannten Tatami-Matten. Schiebetüren aus Papier sind kunstvoll mit Tuschezeichnungen verziert, sehen aber auch schon etwas mitgenommen aus von der Feuchtigkeit. Feste Möbel gibt es keine – dafür wird zum Essen oder Schlafen die nötigste Einrichtung hin- und danach wieder weggeräumt. Der Anblick des Steingartens ist tatsächlich hier der Höhepunkt. Wie die Hühner auf der Stange hocken eine ganze Reihe japanischer Schüler auf den Stufen des Tempels, um den Garten zu betrachten. Ich setze mich dazu und versuche in den Steinen eine Landschaft zu erkennen, aber mehr als Meer und Inseln kann ich nicht zusammen fantasieren.

Der hintere Garten des Tempels ist wieder bunt gemischt bepflanzt und ein kleiner runder Brunnen bildet den Betrachtungsmittelpunkt in diesem Grün. Vier Zeichen sind um ein Quadrat angeordnet und zahllose Yen-Stücke liegen auf dem Grund des Brunnens. Uns wird erklärt, dass die Zeichen den Betrachter ermahnen, dass Geld allein im Leben nicht glücklich macht und Entsagung das Ziel sein sollte (wörtliche Übersetzung: „Ich strebe nur nach Genügsamkeit.“). Nun ja, immerhin wird das Leben deutlich ruhiger, wenn man nicht am Hungertuch nagt, soweit sind wir uns in der Gruppe schon mal einig.

Nach ausführlicher Betrachtung der restlichen Gartenanlage mit ihren Bonsai- und blühenden Kirschbäumen kehren wir zum Mittag in das einzige Restaurant vor Ort ein. Da ich mir zum Mittag selbst etwas mitgebracht habe, verkrümele ich mich mit ein paar anderen der Reisegruppe auf die überdachte Veranda des Restaurants und genieße meine mitgebrachten Onigiris mit Lachs. Wird mit der Zeit ganz schön kalt, denn der Regen ist unerbittlich.

Doch auch die Mittagspause geht vorbei und schon sind wir wieder auf dem Weg zum nächsten Höhepunkt – der Kinkakuji. Dieser so genannte Tempel war einst das Vergnügungshaus der Shogun-Familie. In malerischer Lage mitten an einem See gelegen, umgeben nur von Bäumen, wurde hier im engen Kreis gefeiert. Die oberen der drei Etagen wurden von außen komplett vergoldet, während die untere Etage ihren ursprünglichen Holzbau behielt. Der Grund für diese Gestaltung liegt in der damaligen Bedeutung des Goldes, welches ausschließlich als Statussymbol für die Shogun- und Kaiserfamilie verwendet wurde. So wurden in der unteren Etage alle Arten von Gästen empfangen, während die oberen beiden Etagen der Shogun-Familie vorbehalten blieben. Sie wurden insbesondere zur Betrachtung des Mondes genutzt.

In der Nähe des Tempels finden wir einen weiteren Bonsai Baum, der vom Gartenmeister zu einer Art Schiff geformt wurde. Stabilisierend wirkt dabei ein großes Bambusgerüst, das den Bug des so genannten Schiffes in Form bringt. In gewisser Weise tut mir der malträtierte Baum schon Leid.

Nachdem wir uns an den Mengen von durchsichtigen japanischen Regenschirmen vorbei geschoben haben, geht es weiter zum Nijo-Schloss. Einst als Shogunatssitz der Tokugawa Familie in Kyoto erbaut, wurde es in 200 Jahren Regierungszeit der Tokugawas nur ganze 3 Tage genutzt. Nach der Abdankung des letzten Shoguns und der Einleitung der Moderne im späten 19. Jahrhundert, nutzte man die Räumlichkeiten als Beamtenräume. Leider nicht ohne Schäden am Schloss, da die Beamten auch bei Regen die Schiebetüren offen ließen und so zum Teil schöne Tuschezeichnungen an den Wänden zerstört wurden. Platz gab aber genug und so wurden auch lange nicht alle Zeichnungen zerstört. In dem Schloss finden sich unter anderem Zimmer für wartende Gäste (unterteilt in Freund und Feind, nur erkennbar anhand der Wandzeichnungen), Empfangszimmer mit versteckten Wachschutzräumen, Minister-Wohnräume, Waffen- und Kleiderkammern, natürlich der Wohnraum des Shoguns sowie das Zimmer seiner Nebenfrauen. Für die Ehefrau war kein Zimmer vorgesehen, da sie stets im Schloss in Tokyo (damals noch Edo) verbleiben sollte. Von der Einrichtung her gibt es aber nicht viel zu sehen, da in die Räume stets nur das Notwendigste gestellt wurde. Zum Schlafen gab es also Futon-Betten, beim Essen wurden Sitzkissen, Tischchen und Essen hingeräumt usw. Eine Heizung gibt es bis heute nicht, Kohlebecken waren die einzige Wärmequelle im Raum. Nicht sonderlich warm, wenn im Winter der Wind gegen die Papier-Schiebetüren prallte. Absolutes Highlight des Schlosses aber sind die singenden Dielen im Gang. Bei jedem Schritt geben sie einen singenden Ton von sich, so dass stets alle Angreifer gehört werden konnten. Das System ist denkbar einfach, Eisennägel reiben auf unter den Holzdielen befestigten Eisenplättchen.

Soviel Kultur verlangt eine Pause und so beschließen wir zu dritt, den Abend bei einem gemütlichen Shopping-Bummel durch die Haupteinkaufsstraße Kyotos zu beschließen. Im Traditionskaufhaus Takashima werde ich denn auch fündig und kaufe für meine Schwester eine schicke Bento-Box (Lunch-Box für Sushi, eingelegtes Gemüse, Reis und was man sonst noch so rein bekommt). Der Rückweg zum Hotel gestaltet sich da schon etwas abenteuerlicher. Nachdem wir die Metro-Station entdeckt haben, stellen wir bei einem Blick auf den Fahrplan fest, dass es in Kyoto anscheinend unterschiedliche Betreiber des Metro-Netzes gibt. Und leider müssen wir auch noch umsteigen. Der Ticket-Automat ist mit seinen japanischen Schriftzeichen und Texten nicht wirklich Touristen freundlich gestaltet und so wenden wir uns an die japanischen Mitmenschen. Diese flüchten beim ersten englischen Wort, so dass ich schließlich mein basic Japanisch rauskrame, um ein Schulmädchen anzusprechen. Die erklärt uns dann zusammen mit einem älteren Geschäftsmann mit Händen und Füßen, welche Tickets wir kaufen müssen. Leider gelten die nur bis zur Umsteigestation, dann gibt es nämlich einen neuen Netzbetreiber und der will extra Kasse. Doch auch hier finden wir wieder nette Japaner und Bahnangestellte, die uns schließlich doch noch zur richtigen Bahn lotsen. In der Bahn wird es plötzlich voll und so ganz allein zu dritt unter Japaner kommt man sich schon etwas seltsam vor. Vor allem, weil wir allen Anderen auf den Kopf schauen können.

Soviel zu den Japanern des heutigen Tages. Die Fotos gibt es natürlich auch, wenn ihr diesem Link folgt.

Ich grüße die Reisegemeinde,
eure Sarah :)